Sonntag, 24. Mai, 18 Uhr
Franziska Hölscher & Stuttgarter Kammerorchester
Franziska Hölscher – Solovioline & Leitung (Hartmann)
Stuttgarter Kammerorchester
Manuel Hofer – Viola & Leitung
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Konzertdauer: ca. 45 Min. │ Pause │ ca. 35 min.
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Johannes Brahms (1833–1897)
Choralvorspiel „O Gott, du frommer Gott“
(Arr. Paul Angerer)
aus den Elf Choralvorspielen op. 102
Robert Schumann (1810–1856)
Fünf Stücke im Volkston op. 102
(Arr. Ofer Canetti)
1. Vanitas vanitatum. Mit Humor
2. Langsam
3. Nicht schnell, mit viel Ton zu spielen
4. Nicht zu rasch
5. Stark und markiert
Karl Amadeus Hartmann (1905–1963)
Concerto funebre für Violine und Streicher
I. Introduction (Largo)
II. Adagio
III. Allegro di molto
IV. Choral (Langsamer Marsch)
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PAUSE
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Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791)
Streichquintett C-Dur KV 515
(Arr. Ofer Canetti)
I. Allegro
II. Menuetto. Allegretto
III. Andante
IV. Allegro
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Im Jahr 1896 – Johannes Brahms sah sein kompositorisches Schaffen eigentlich als beendet an – wandte der 63-jährige Komponist sich nach langer Zeit noch einmal der Orgelmusik zu. Die zugrundeliegenden Texte weisen die Elf Choralvorspiele op. 122 (1902, also erst nach seinem Tod veröffentlicht) dabei als Musik der Trauer aus. Brahms hatte in den Jahren zuvor viele Freunde verloren, zuletzt im Mai 1896 Clara Schumann. In „O Gott, du frommer Gott“ (Nummer 7 der Sammlung), die wir heute in der Streicherbearbeitung von Paul Angerer hören, verwendete Brahms jene ältere Choralmelodie auf den Text von Johann Heermann, die Johann Sebastian Bach in seinen Orgelpartiten BWV 767 verarbeitete und die Brahms nachweislich sehr genau studierte. Die vier Teile des Chorals lässt Brahms dabei gleichsam in verschiedenen Stimmlagen erklingen, wobei er jeweils mit kunstvollen Figurationen auf die Melodieteile hinführt, die den Text stumm in sich tragen: „O Gott, du frommer Gott, du Brunnquell aller Gaben, / ohn’ den nichts ist, was ist, von dem wir alles haben, / gesunden Leib gib mir, und dass in solchem Leib / ein’ unverletzte Seel’ und rein Gewissen bleib.“
„Zu dem Ende habe ich mich […] in den Melodien selbst der höchsten Simplicität und Faßlichkeit beflissen, ja auf alle Weise den Schein des Bekannten darinzubringen gesucht, weil ich aus Erfahrung weiß, wie sehr dieser Schein dem Volksliede zu seiner schnellen Empfehlung dienlich, ja nothwendig ist. In diesem Schein des Bekannten liegt das ganze Geheimniß des Volkstons“. Was Johann Abraham Peter Schulz seinen „Liedern im Volkston“ von 1782 voranstellte, hat auch noch viele Romantiker geprägt. So gab Robert Schumann seinen „Fünf Stücken im Volkston“ op. 102 von 1849 den „Schein des Bekannten“, transportierte unter dem verkaufsfördenden Titel aber – vor allem im letzten Stück (Nr. 5 „Stark und markiert“) – durchaus auch kammermusikalischen Anspruch. Die Nummer 1 trägt die zunächst rätselhaft anmutende Titel-Kombination „Vanitas vanitatum – Mit Humor“. Schumann bezog sich damit sicher weder auf die Bibel („Es ist alles eitel“, Prediger 1:2) noch auf Andreas Gryphius’ barockes Gedicht. Vielmehr scheint er Goethes parodistisches „Vanitas! Vanitatum“ vanitas!“ von 1806 im Sinn gehabt zu haben, das mit den Zeilen beginnt: „Ich hab' mein Sach auf Nichts gestellt. Juchhe!“ Lyrisch-innig ist die Nummer 2 gehalten („Langsam“), im 6/8-Takt fließt die „nicht schnell, mit viel Ton“ zu spielende Nummer 3, musikantischen Schwung verströmt die Nummer 4 („Nicht zu rasch“).
„Musik der Trauer“ hat Karl Amadeus Hartmann sein Konzert für Violine und Streichorchester zunächst genannt, als er es von Sommer bis Herbst 1939 komponierte. Es entstand in der inneren Emigration, unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Ursprünglicher Auslöser war die von den Nazis 1938 provozierte Sudetenkrise gewesen, der im März 1939 der Einmarsch in Prag folgte. Später, im Zuge der Umarbeitung 1959, wählte Hartmann den italienischen Titel „Concerto funebre“ (Trauer-Konzert). Seinen Charakter als Ausnahmewerk entfaltet es von Beginn an, wenn nach einem energischen Impuls des Streichorchesters die Violine flüsternd den Choral „Die ihr Gottes Streiter seid“ anstimmt. Mit diesem Kampflied der Hussiten spielt Hartmann ganz direkt auf den Überfall auf die Tschechoslowakei an. Diese Largo-Einleitung führt unmittelbar in den zweiten Satz, ein zwischen emotionalen Ausbrüchen und stiller Resignation changierendes Adagio, das im geigerischen Tonfall an Alban Bergs Violinkonzert (1935) und in der freitonalen Harmonik an Paul Hindemiths Trauermusik für Viola und Streichorchester (1936) erinnert. Als größtmöglicher Kontrast bricht das anschließende Allegro di molto in Wut und Verzweiflung aus. Die in hämmernden Rhythmen und Tonwiederholungen sich aufstauende Energie entlädt sich in einer Solokadenz, die sanft verklingt, ehe der als „Choral (Langsamer Marsch)“ bezeichnete vierte Satz mit dem Zitat „Unsterbliche Opfer“ anhebt. Der Klagegesang, den die Solovioline in diesem Umfeld anstimmt, formuliert bei aller Trauer die Hoffnung, dass Musik als „Gegenaktion“ – neben „Bekenntnis“ ein weiterer Schlüsselbegriff im Schaffen Hartmanns – nie verstummen wird. Ein trotziger, dissonant aufgerauter Dur-Akkord im fortissimo unterstreicht als Schlussgeste diese Haltung.
Da wäre man gerne dabei gewesen: bei der häuslichen Kammermusik im Hause Wolfgang Amadé Mozarts, wenn dort seine Streichquintette gespielt wurden – mit Mozart oder Joseph Haydn an einer der beiden Bratschen. Mozart reagierte 1787 mit der Komposition der beiden groß angelegten Streichquintette in C-Dur und g-Moll auf einen Wiener Trend. Denn dort erfreuten sich einerseits Luigi Boccherinis Quintette (mit zwei Violoncelli) und andererseits zahllose nach der österreichischen Tradition mit zwei Violas besetzte Werke großer Beliebtheit. Eine weitere Motivation, sich dieser Gattung zuzuwenden, dürfte darin bestanden haben, hier im Gegensatz zum Quartett nicht zu dessen „Erfinder“ Joseph Haydn in Konkurrenz treten zu müssen. Selbstbewusstsein und Selbstverständlichkeit strahlt dann auch das C-Dur-Streichquintett KV 515 aus, in dem Mozart der Besetzung mit ständig wechselnden Stimmkoppelungen eine fast fast orchestrale Dichte und Farbigkeit entlockt, was in der Streichorchesterfassung von Ofer Canetti besonders zur Geltung kommt. Die ausladenden Dimensionen des Kopfsatzes und des herrlichen Andante werden ausbalanciert, indem das Menuett an zweiter Stelle dazwischen steht. Mit unbändigem Spielwitz und Schwung beschließt das in Rondoform angelegte finaleAllegro das ebenso tiefsinnige wie mitreißende Werk.
Dr. Juan Martin Koch (c) Kulturwald gGmbH 2026
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Franziska Hölscher
Die Geigerin Franziska Hölscher ist eine der vielseitigsten Musikerinnen der jungen Generation. Sie war und ist als Solistin, Kammermusikerin und Festivalleiterin Gast in der Berliner Philharmonie und dem Konzerthaus Berlin, der Elbphilharmonie Hamburg, dem Festspielhaus Baden-Baden, dem Concertgebouw Amsterdam, dem Palais des Beaux-Arts Brüssel, dem Wiener Konzerthaus und im Rudolfinum Prag.
Sie konzertiert bei der Schubertiade Schwarzenberg, den Bregenzer Festspielen, dem Schleswig-Holstein Musik Festival, den Schwetzinger SWR Festspielen, der Bachwoche Ansbach, dem Rheingau Musik Festival und beim Heidelberger Frühling.
Von Beginn ihrer Karriere hatte das Zusammenspiel mit Kollegen einen festen Platz in ihrem Repertoire. Seit ihrem Debüt mit Martha Argerich gehören Kit Armstrong, Martin Helmchen, Nils Mönkemeyer, Maximilian Hornung, Daniel Müller-Schott und Christoph Prégardien zu ihren Partnern.
Mit dem Autor Roger Willemsen verband sie eine künstlerische Freundschaft. Mit ihm entwickelte sie das Bühnenprogramm „Landschaften“, das sie zusammen mit der Schauspielerin Maria Schrader und der Pianistin Marianna Shirinyan eingespielt hat und seitdem in den Bestseller-Listen geführt wird.
In ihren dramaturgisch durchdachten Konzertprogrammen verbindet Hölscher Werke des Barock und des klassisch-romantischen Repertoires mit Musik der Gegenwart, so auf ihrer vielfach ausgezeichneten CD „SEQUENZA“.
2018 spielte sie bei den Movimentos Festwochen die Uraufführung des Concertinos für Violine und Streicher von Wolfgang Rihm. Als Solistin konzertiert sie darüber hinaus u.a. mit der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, dem Ensemble Resonanz, dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn, dem Orchester des Nationaltheaters Prag und der Sinfonia Varsovia.
In der Saison 2024/25 spielte Franziska Hölscher das Violinkonzert von Ondřej Adámek bei den Bregenzer Festspielen und mit dem Württembergischen Kammerorchester das „Concerto funebre“ von Karl Amadeus Hartmann im Konzerthaus Berlin. Mit Vivaldis Vier Jahreszeiten war sie mit einem Play-Lead-Projekt mit der Blockflötistin Dorothee Oberlinger u.a. im Konzerthaus Ravensburg und beim Mosel Musikfestival auf Tournee. Chaussons Konzert für Violine, Klavier und Streichquartett spielte sie mit der Pianistin Danae Dörken und dem Minguet Quartett. Als Solistin und Kammermusikpartnerin von Benjamin Appl, Herbert Schuch, Harriet Krijgh und Sebastian Manz war sie beim Mozartfest Augsburg, beim MDR-Musiksommer, im Robert-Schumann-Saal Düsseldorf, in der Meistersingerhalle Nürnberg, im Brucknerhaus Linz und mehrmals bei den Schwetzinger SWR Festspielen zu Gast. Mit ihrem Trio mit Katja Riemann und Marianna Shirinyan spielte sie beim MDR-Musiksommer und beim Schleswig-Holstein Musik Festival. Eine ausgedehnte Kammermusik-Tour zum Schönberg-Jahr führte sie von Bozen aus in die Elbphilharmonie Hamburg, in das Concertgebouw Amsterdam, das Konzerthaus Dortmund und das Wiener Konzerthaus.
In Heidelberg geboren und ausgebildet von Ulf Hoelscher, Thomas Brandis, Nora Chastain und Reinhard Goebel, erhielt Franziska Hölscher bereits in jungen Jahren Preise bei bedeutenden internationalen Wettbewerben wie den 1. Preis beim internationalen Rundfunkwettbewerb Prag.
Als Botschafterin des von Lars Vogt initiierten Projekts „Rhapsody in School“ setzt sie sich für die Vermittlung von klassischer Musik in Schulen ein.
Franziska
Hölscher ist Künstlerische Leiterin der Kammermusikreihe „Klangbrücken“
im Konzerthaus Berlin, die sie mit Severin von Eckardstein 2014 ins
Leben gerufen hat. Gemeinsam mit Kit Armstrong hat sie 2021 die
künstlerische Leitung der Musiktage Feldafing übernommen. Seit 2022 ist sie Künstlerische Leiterin des Musikfestivals „Fränkischer Sommer“.
Stuttgarter Kammerorchester
Gegründet 1945, sieht sich das Stuttgarter Kammerorchester (SKO) heute als kulturelle Instanz in einer Doppelrolle. Gemeinsam mit dem künstlerischen Führungsduo – Chefdirigent Thomas Zehetmair und Markus Korselt als Geschäftsführendem Intendanten – folgen die Musikerinnen und Musiker der Vision, die Tradition zu bewahren und gleichzeitig klangliche und programmatische Maßstäbe für die Zukunft zu setzen. Aus der Spannung zwischen diesen beiden Polen schöpft das SKO seine kreative Energie. Das reiche, die Jahrhunderte überspannende Repertoire vom Barock bis hin zu Kompositionsaufträgen umschließt auch lustvolle Genreüberschreitungen mit Jazz, Rock und elektronischer Musik in aufregenden Formaten und Projekten nah am Publikum. Diese Bandbreite macht das SKO zu einem der versiertesten Klangkörper der Musikwelt.
Etwa 90 Konzerte stehen jährlich auf dem Spielplan, darunter Interkontinentalreisen und Auftritte auf den großen Bühnen. Das Orchester präsentiert sich sowohl als „SKO pur” in seiner Stammbesetzung mit 17 Streichern als auch in großer Besetzung mit Meisterwerken aus Klassik und Romantik. Von 2024 bis 2027 entsteht mit Thomas Zehetmair eine Gesamtaufnahme und Gesamtaufführung aller Beethoven-Symphonien.
Auf dem sich ständig wandelnden Gebiet der Digitalisierung entdeckt das Stuttgarter Kammerorchester immer neue kreative Felder. Seit 2018 entstehen hier innovative Projekte mit Extended Reality, Künstlicher Intelligenz, Robotik und Hologramm-Konzerten, die das klassische Fundament des Klangkörpers erweitern und dem Publikum neue künstlerische Erfahrungen bieten. Als erstes Orchester Deutschlands stellte das SKO 2022 von Papiernoten auf Tablets um.
Angespornt vom Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit engagiert sich das SKO seit 2022 für einen klimabewussten Kulturbetrieb. Dazu gehörte bis 2024 die Klimaneutralstellung, die durch Vermeidung, Reduktion und Kompensation von CO2-Emission erreicht wurde. Ab 2025 wird der Fokus auf weitere Verringerung der CO2-Emission und regionale Aufforstungsprojekte gerichtet. Dazu gehört ein möglichst ressourcenschonender Betrieb, den CO2-Ausstoß wo immer möglich zu vermeiden oder zu reduzieren und auch das Publikum für klimabewusstes Handeln zu sensibilisieren.
Das SKO leistet mit seinem preisgekrönten Education-Programm „SKOhr-Labor“ für Kinder und Jugendliche unterschiedlichster Herkunft einen unverzichtbaren Beitrag zur Musikkultur der nachfolgenden Generationen.
2023 gründete das SKO sein orchestereigenes Label „SKO records“, in dem mittlerweile vier Alben mit Musik von Beethoven, Mozart, Brahms, Schönberg, Schubert, Bartók und John Adams erschienen sind.
Manuel Hofer
Geboren in Graz/Österreich studierte er u.a. bei Siegfried Führlinger, Thomas Riebl, Lars Anders Tomter und Tabea Zimmermann. Manuel Hofer erhielt prägende kammermusikalische Impulse in der Arbeit mit Rainer Schmidt (Hagen Quartett), Eberhard Feltz (Musikhochschule Hanns Eisler) und György Kurtag. Neben seiner größten Leidenschaft, der Kammermusik, schlägt sich Manuel Hofers Neugier für Alte Musik und historische Aufführungspraxis u.a. in zahlreichen Auftritten und CD-Aufnahmen mit Dorothee Oberlinger und ihrem Ensemble 1700 nieder. Desweiteren pflegt er regelmäßig seine Experimentierfreudigkeit für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Er ist Preisträger der Internationalen Stockhausen-Stiftung, erhält durch Kammermusikkurse bei György Kurtág tiefe Einblicke in dessen musikalisch-kompositorische Arbeit und nimmt mit Freude Gelegenheiten wahr, Musik der Gegenwart aus der Taufe zu heben. So spielte er beispielsweise das ihm gewidmete Werk „Samas“ für Viola, Streicher und Schlagzeug von Samir Odeh-Tamimi, in der Uraufführung mit dem Stuttgarter Kammerorchester unter der Leitung von Peter Rundel.
Zusätzlich zu seinem Engagement als Solobratschist des Stuttgarter Kammerorchesters folgt Manuel Hofer Einladungen zu Ensembles wie dem Australian Chamber Orchestra, dem Münchner Kammerorchester, der Camerata Bern oder dem Orchestre de Chambre de Lausanne.
Manuel Hofer ist als erster und bislang einziger Bratschist Gewinner des österreichischen Klassikpreises „Gradus ad Parnassum“ und konzertierte als Solist mit dem Brucknerorchester Linz, dem Stuttgarter Kammerorchester, dem Wiener Kammerorchester, dem Orchester der Pannonischen Philharmonie und der Camerata Athen.
Manuel Hofer spielt auf einer Viola von Gasparo da Salò, gebaut in Brescia, 1600.