07.12.25
Barenboim-Said Akademie
Sonntag, 7. Dezember 2025, 19 Uhr
Michael Barenboim – Violine
Farah Sulaiman
–
Flöte
Elias Elias
–
Violine
Katia Abdelkader
–
Viola
Danielle Akta
–
Violoncello
Eda Seviniş
–
Klavier
In Zusammenarbeit mit Into the Open – Music Festival
------------------
Konzertdauer: ca. 35 min │ Pause │ ca. 35 min
------------------
Wolfgang Amadé Mozart (1756–1791)
Flötenquartett Nr. 1 D-Dur KV
285
I. Allegro
II. Adagio
III. Rondeau. Allegretto
Tōru
Takemitsu (1930–1996)
Itinerant. In Memory of Isamu Noguchi
für Flöte solo
Franz Schubert (1797–1828)
Streichtrio B-Dur D
471
Allegro
------------------
PAUSE
------------------
Robert Schumann (1810–1856)
Klavierquintett Es-Dur op. 44
I. Allegro brillante
II. In modo d’una marcia. Un poco largamente – Agitato
III. Scherzo. Molto vivace
IV. Allegro, ma non troppo
------------------
Wolfgang Amadé Mozart schrieb sein Flötenquartett Nr. 1 D-Dur KV 285
Ende Dezember 1777 im Rahmen seiner „großen Reise“, die ihn auf der
Suche nach einer festen Anstellung unter anderem nach Mannheim geführt
hatte. Johann Baptist Wendling, der Flötist des berühmten Mannheimer
Hoforchesters, hatte ihm den Auftrag eines wohlhabenden Schülers, des
Arztes Ferdinand Dejean vermittelt. Seine Begeisterung, für dieses
Instrument und für einen Amateur schreiben zu sollen, hielt sich in
Grenzen und so lieferte er auch nur einen Teil der beauftragten Werke.
Dem ersten seiner Flötenquartette ist dies allerdings nicht anzumerken.
Souverän, frisch und mit der ihm eigenen Erfindungskraft hält er die
Balance zwischen den zu dieser Zeit vor allem in Frankreich äußerst
beliebten konzertanten Quartetten und dem Mannheimer Kammermusikstil,
der auch die Streichinstrumente immer wieder in das melodische Geschehen
einbindet. Dem abwechslungsreichen Kopfsatz folgt ein herrliches
Adagio, das mit der gezupften Begleitung der Streichinstrumente den
Charakter eines Ständchens trägt, in seiner Moll-Verschattung aber
tiefere Ausdrucksebenen ansteuert. Der offene Schluss gibt der Flöte
Gelegenheit, analog zu solchen Passagen in einem Solokonzert, einen
Übergang in das leichtfüßige, sonnendurchflutete Schluss-Rondo frei zu
gestalten, das nicht zufällig den französischen Titel „Rondeau“ trägt.
Tōru
Takemitsu, war der erste japanische Komponist, der internationales
Renomee erlangte. In seinem Umgang mit der traditionellen Musik seiner
Heimat einerseits und der westlichen Avantgarde seit 1950er Jahren
andererseits schuf er einen ganz eigenen Stil. Dieser basierte weniger
darauf, beide Spähren miteinander zu verschmelzen, sondern eher durch
ein fein auskomponiertes Nebeneinander ihre jeweiligen
Ausdrucksmöglichkeiten zu betonen. „Itinerant. In Memory of Isamu
Noguchi“ für Flöte solo von 1989 gehört zu einer Reihe von Werken, in
denen Takemitsu sich vor Persönlichkeiten verbeugt, die einen prägenden
Einfluss auf ihn hatten. Isamu Noguchi war ein Bildhauer und
Landschaftsarchitekt, dessen Konzept, Natur durch Kunst intensiver
erlebbar zu machen, Takemitsu bewunderte. Sein Flötenstück, das trotz
vieler außergewöhnlicher und hochexpressiver Spielweisen nie überladen,
sondern natürlich fließend wirkt, beschrieb Takemitsu dementsprechend
als einen Gang „durch einen japanischen Garten, in dem wie in der Natur
alles eins ist, wie etwa der feste Sand, der endlose Strom von Wasser,
die Steine, deren Aussehen sich je nach Blickwinkel des Betrachters
verändert, die Bäume, die das Wasser der Erde aufnehmen, Gräser und
Blumen, die schnell wachsen.“
Sein
Streichtrio B-Dur D 471 komponierte
Franz Schubert im Jahr 1816, zu einer Zeit, da er den Schritt
von einer für das Musizieren zuhause oder im Freundeskreis gedachten
Kammermusik zu einer für größere Zuhörerkreise konzipierten
„Darbietungsmusik“ noch nicht getan hatte. Dass Schubert nur den
Kopfsatz vollendete – ein Andante sostenuto blieb Fragment – könnte als
Indiz dafür gewertet werden, dass er sich dieser Schwelle bewusst war.
Im Tonfall scheint dieser Allegro-Satz zunächst in einem eher
unkompliziert unterhaltsamen Divertimento-Charakter zu verharren,
während der Umgang mit dem dreistimmigen Satz vom Vorrang für die
Violine über Unisono-Gesten bis hin zu motivischen Verzweigungen durch
alles Stimmen fein ausdifferenziert ist. In der Durchführung deutet
Schubert sein später zur Meisterschaft geführtes Prinzip an, aus einem
scheinbar bedeutungslosen Motiv (erst in den beiden letzten Takten der
Exposition eingeführt) einen Abschnitt von gänzlich neuem Charakter
entstehen zu lassen.
Robert Schumann, der vielen als Inbegriff
des impulsiven Romantikers gilt, ging beim kompositorischen Erschließen
von Gattungen erstaunlich planvoll vor: Einem Jahrzehnt voller
Klaviermusik ließ er 1840 ein äußerst produktives „Liederjahr“ folgen.
Hatte er sich 1841 intensiv dem Orchester zugewandt, so nahm er 1842 mit
beinahe systematischer Vollständigkeit die Kammermusik in Angriff.
Einen Gipfelpunkt seines Schaffens stellt dabei das Klavierquintett
Es-Dur op. 44 dar, das zu den unbestrittenen Meisterwerken der
romantischen Klavierkammermusik zählt. Von seinen ersten Takten, einer
triumphierenden Mottogeste an, strahlt es eine bei Schumann seltene
Unerschütterlichkeit und Souveränität aus. Das schließt poetische Tiefe
nicht aus, wie das herrliche Seitenthema des ersten Satzes und die
Vielschichtigkeit des zweiten Satzes beweisen. Dieser changiert mit
großer Selbstverständlichkeit zwischen den Abgründen eines
Trauermarsches, tröstenden Kantilenen und dramatischen Ausbrüchen. All
das wird aber hinweggefegt von einem atemlos brillanten Scherzo und
einem beglückenden Finale, dessen Hauptthema zum krönenden Abschluss mit
dem Mottogedanken kontrapunktisch verwoben wird.
Dr. Juan Martin Koch (c) Kulturwald gGmbH 2025
------------------
Michael Barenboim
„In dem Moment, in dem du einen schönen Klang schaffst, hat sich jede Mühe gelohnt.“
Dieser
Satz von Michael Barenboim (*1985) ist eine Bilanz seines bisherigen
künstlerischen Wegs. Solist und Kammermusiker an Violine und Viola,
Ensemblegründer, Konzertmeister des West-Eastern Divan Orchestra, und
Professor an der Barenboim-Said Akademie: In Barenboims Arbeit stehen
Vielseitigkeit und Kreativität im Vordergrund.
Seit seinem
Durchbruch als Solist mit Schönbergs Violinkonzert unter der Leitung von
Pierre Boulez im Jahr 2011 ist Michael Barenboim fest verankert im
internationalen Konzertgeschehen und musiziert seither mit
herausragenden Dirigenten wie Zubin Mehta, Gustavo Dudamel und seinem
Vater Daniel Barenboim. Als Solist trat er mit renommierten Orchestern
auf, darunter die Wiener Philharmoniker, die Berliner Philharmoniker,
das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Orchestre
Philharmonique du Luxembourg, die Accademia Nazionale di Santa Cecilia,
die Filarmonica della Scala, das Philharmonia Orchestra London, das
Tonhalle-Orchester Zürich, das Orchestre de Paris, das Spanische
Nationalorchester, die Los Angeles Philharmonic und das Chicago Symphon
Orchestra.
Solo-Rezitale führen Michael Barenboim regelmäßig in
die bekanntesten internationalen Säle und zu renommierten Konzertreihen.
So konzertierte er in der Wigmore Hall London, der Elbphilharmonie
Hamburg, im Sydney Opera House, im Teatro di San Carlo in Neapel und
beim Lucerne Festival. Mit ausgesuchten Werken von Pierre Boulez
gastierte er an der Berliner Philharmonie, der Carnegie Hall, dem
Konzerthaus Dortmund, dem Barbican Centre London, an der Opéra national
de Paris und bei den Salzburger Festspielen.
In der Saison
2025/26 wird Michael Barenboim als Solist auftreten u.a mit dem Armenian
Symphony Orchestra unter der Leitung von Sergey Smbatyan, dem Orchestra
Sinfonica Nazionale Della Rai unter der Leitung von Andrés
Orozco-Estrada auf Tournee in Spanien, dem Württembergischen
Kammerorchester Heilbronn unter der Leitung von Risto Joost auf Tournee
in Deutschland und Estland, dem Cairo Symphony Orchestra auf Tournee in
Deutschland, dem English Chamber Orchestra, dem Philharmonischen
Orchester Vorpommern und dem Zagreb Philharmonic Orchestra unter der
Leitung von Dawid Runtz.
Kammermusik nimmt nicht erst seit der
Gründung seines West-Eastern Divan Ensembles Anfang 2020 einen großen
Teil von Michael Barenboims Konzerttätigkeit ein. Das mit ausgewählten
Mitgliedern des West-Eastern Divan Orchestra besetzte Ensemble unternahm
unter seiner Leitung bereits sehr erfolgreiche Tourneen durch Asien,
Nordamerika und Europa. Mit einem von ihm neu gegründeten Ensemble
Palästinensischer Musiker:innen leistet Michael Barenboim zudem einen
Beitrag, die Sichtbarkeit Palästinensischer Künstler zu erhöhen. Nasmé
سم)ة e ) bedeutet Brise und hebt deren Kreativität und Talent hervor.
Er
ist Teil von Make Freedom Ring, einem Kollektiv klassischer
Musiker:innen, das regelmäßig Benefizkonzerte für Palästina in mehreren
Städten Europas organisiert. Darüber hinaus ist er Mitglied des Vereins
palästinensischer und jüdischer Akademiker:innen (PJA) und ko-kuratiert
eine Vortragsreihe namens Kilmé Talks, die palästinensischen
Künstler:innen und Wissenschaftler:innen eine Plattform bietet. Michael
Barenboim beschäftigt sich aus tiefster Überzeugung intensiv mit
zeitgenössischer Musik. Die Interpretation der Werke des 20. und 21.
Jahrhunderts spielt in seiner Arbeit sowohl solistisch mit Orchester
(Widmann, Dutilleux, Ligeti) als auch im Kammermusikalischen eine große
Rolle. Er brachte bereits zahlreiche neue Kompositionen zur
Uraufführung, darunter Werke von Jörg Widmann, Kareem Roustom, Matthias
Pintscher und anderen.
Michael Barenboim hält seinen
musikalischen Geist mit Musik unterschiedlichster Epochen wach. Seine
CD-Einspielungen zeugen von diesem Drang der ständigen Erneuerung. Auf
seinen Alben für Accentus widmete er sich Werken von Bach, Bartók,
Boulez, Tartini, Berio, Paganini und Sciarrino. Zusätzlich erschienen
zwischen 2018 und 2020 bei Deutsche Grammophon die Klavierquartette und
-trios von Mozart sowie die gesamten Beethoven-Klaviertrios gemeinsam
mit Kian Soltani und Daniel Barenboim.
Im September 2023
veröffentlichte Michael Barenboim eine Aufnahme von Elgars Violinkonzert
mit dem Philharmonia Orchestra London unter der Leitung von Alessandro
Crudele bei Linn Records. Beim selben Label folgte im Frühjahr 2024
Mendelssohns „Lieder ohne Worte“ in einer Bearbeitung von Ferdinand
David mit Natalia Pegarkova-Barenboim am Klavier.
Unterrichten
bedeutet für Michael Barenboim nicht nur, die perfekte Technik am
Instrument zu vermitteln; ihm liegt insbesondere auch die universelle
Bildung seiner Studierenden an der Barenboim-Said Akademie am Herzen. Er
ist dort Professor für Violine und Ensemblespiel, und hatte zwischen
2020-2024 das Dekanat inne.