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18.07.26

Gaechinger Cantorey – Bach-Kantaten

Samstag, 18. Juli, 19 Uhr
Sonntag, 19. Juli, 14 Uhr

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Konzertdauer: Teil 1 ca. 50 Min. ││  Pause ││ Teil 2 ca. 50 min.
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Isabel Schicketanz – Sopran
Alex Potter – Altus
Patrick Grahl – Tenor
Tobias Berndt – Bass
Gaechinger Cantorey
Hans-Christoph Rademann – Leitung

Gaechinger Cantorey:
Sopran: Isabel Schicketanz, Franziska Blömer, Natasha Schnur
Alt: Nanora Büttiker, Jennifer Gleinig, Jonathan Mayenschein
Tenor: Patrick Grahl, Christopher Renz, Christoph Pfaller
Bass: Tobias Berndt, Dávid Csizmár, Menno Koller

Horn: Gustav Borggrefe, Golo Gröpler
Trompete: Hannes Rux-Brachtendorf, Astrid Brachtendorf, Karel Mnuk
Pauke: Stefan Gawlick
Blockflöte: Wei Hung, David Hanke
Oboe: Rodrigo López Paz, Linda Bärlocher, Anke Bernardy
Fagott: Katrin Lazar
Violine I: Jonas Zschenderlein, Lotta Suvanto, Bruno Van Esseveld
Violine II: Regine Freitag, Ha-Na Lee, Marina Kakuno
Viola: Oliver Wilson, Yoko Tanaka-Zschenderlein
Violoncello: Jan Freiheit
Kontrabass: Miriam Shalinsky
Orgel: Johannes Fiedler
Cembalo: Michaela Hasselt 

Die Gesangstexte finden Sie weiter unten.

Johann Sebastian Bach (1685–1750)
„Brich dem Hungrigen dein Brot“ BWV 39
Kantate zum 1. Sonntag nach Trinitatis

Erster Teil
1. Chor: Brich dem Hungrigen dein Brot
2. Rezitativ (Bass): Der reiche Gott wirft seinen Überfluss 
3. Aria (Alt): Seinem Schöpfer noch auf Erden

Zweiter Teil
4. Arioso (Bass): Wohlzutun und mitzuteilen vergesset nicht
5. Aria (Sopran): Höchster, was ich habe
6. Rez. (Alt): Wie soll ich dir o Herr! 
7. Choral: Selig sind, die aus Erbarmen

„Siehe, ich will viel Fischer aussenden“ BWV 88
Kantate zum 5. Sonntag nach Trinitatis

Erster Teil
1. Aria (Bass): Siehe, ich will viel Fischer aussenden
2. Rez. (Tenor): Wie leichtlich könnte doch der Höchste uns entbehren
3. Aria (Tenor): Nein, Gott ist allezeit geflissen, uns auf gutem Weg zu wissen

Zweiter Teil
4. Rez. (Tenor) und Arioso (Bass): Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht
5. Duett (Sopran, Alt): Beruft Gott selbst, so muss der Segen
6. Rez. (Sopran): Was kann dich denn in deinem Wandel schrecken
7. Choral: Sing, bet und geh auf Gottes Wegen  

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PAUSE
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„Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ BWV 170
Kantate für Alt solo zum 6. Sonntag nach Trinitatis

1. Aria: Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust
2. Rez.: Die Welt, das Sündenhaus
3. Aria: Wie jammern mich doch
4. Rez. Wer sollte sich demnach wohl hier zu leben wünschen
5. Aria: Mir ekelt mehr zu leben

„Gott fähret auf mit Jauchzen“ BWV 43
Kantate zu Christi Himmelfahrt 

Erster Teil
1. Chor: Gott fähret auf mit Jauchzen
2. Rez. (Tenor): Es will der Höchste sich ein Siegsgepräng bereiten
3. Aria (Tenor): Ja tausendmal tausend begleiten den Wagen
4. Rez. (Sopran): Und der Herr, nachdem er mit ihnen geredet hatte
5. Aria (Sopran): Mein Jesus hat nunmehr das Heilandwerk vollendet 

Zweiter Teil
6. Rez. (Bass): Es kommt der Helden Held
7. Aria (Bass): Er ists, der ganz allein die Kelter hat getreten
8. Rez. (Alt): Der Vater hat ihm ja ein ewig Reich bestimmet
9. Aria (Alt): Ich sehe schon im Geist
10. Rez. (Sopran): Er will mir neben sich die Wohnung zubereiten
11. Choral: Du Lebensfürst, Herr Jesu Christ

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Kennen Sie Johann Ludwig Bach? Keine Sorge: Das müssen Sie nicht, schließlich zählt er nicht zu jenen Söhnen Johann Sebastian Bachs, die zu Lebzeiten höheres Ansehen genossen als ihr Vater. Johann Ludwig Bach (1677–1731) war ein entfernter Vetter Johann Sebastians und wirkte ab 1711 als Kapellmeister in Meiningen. Eine Auswahl von dessen dort komponierten Kantaten führte Johann Sebastian 1726 in Leipzig auf und orientierte sich auch in einigen Werken seines eigenen dritten Kantatenjahrgangs an der textlichen Anlage dieser Werke. Diese ist zweigeteilt, wobei sich der erste Teil (vor der Predigt) auf einen Text des Alten Testaments und der zweite (nach der Predigt) auf einen des Neuen Testaments bezieht. Drei dieser „Meininger Kantaten“ hören wir heute, ziemlich genau 300 Jahre nach ihrer Leipziger Uraufführung, und sie zeigen uns Bach auf dem Höhepunkt seiner Kunstfertigkeit und Experimentierfreude.

Dem Eingangschoral der Kantate zum 1. Sonntag nach Trinitatis „Brich dem Hungrigen dein Brot“ BWV 39 (Urauff. 23. Juni 1726) liegt ein wörtliches Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja (58,7–8) zugrunde. Bach komponiert einen beeindruckend gearbeiteten, von Blockflöten und Oboen instrumental durchwirkten Satz, der sich – nach dem getragenen Beginn – zum Text „So du einen nacket siehest, so kleide ihn…“ auf mitreißende Weise beschleunigt und kontrapunktisch verzweigt. Die Altarie „Seinem Schöpfer noch auf Erden“ umspielen Oboe und Violine, ehe ein Bass-Arioso mit Cello-Solo den neutestamentarischen Abschnitt mit einem Zitat aus einem der Hebräerbriefe (13,16) eröffnet: „Wohlzutun und mitzuteilen vergesset nicht; denn solche Opfer gefallen Gott wohl“. Ein unisono spielendes Blockflötenpaar prägt die Sopranarie „Höchster, was ich habe, ist nur deine Gabe“, ein Accompagnato-Rezitativ für Alt leitet zum Schlusschoral über, der die Quintessenz des geistlichen Kantatengehalts zusammenfasst: „Selig sind, die aus Erbarmen / Sich annehmen fremder Not, / Sind mitleidig mit den Armen, / Bitten treulich für sie Gott. / Die behülflich sind mit Rat, / Auch, wo möglich, mit der Tat, / Werden wieder Hülf empfangen / Und Barmherzigkeit erlangen.“

In der Kantate zum 5. Sonntag nach Trinitatis „Siehe, ich will viel Fischer aussenden“ BWV 88 (Urauff. 21. Juli 1726) wendet Bach die kontrastierende Gestaltung innerhalb der Eingangsnummer auf eine ausgedehnte Bassarie an. Dem ersten Teil, der sich in seinem ruhig wiegenden 6/8-Takt auf das Fischen im Meer bezieht (nach Jeremia 16,16), folgt ein bewegter Abschnitt, dessen Hörnerklang den Textteil „Und darnach will ich viel Jäger aussenden“ bildhaft zum Klingen bringt. Auch das erste kürzere Arioso des zweiten Kantatenteils ist dem Bass zugeordnet, der die Rolle Jesu einnimmt, wie er sich an Simon Petrus wendet und das eingangs zitierte Bild vom Fischer und Jäger konkret deutet („Fürchte dich nicht, denn von nun an wirst du Menschen fangen“, nach Lukas 5,10). Nach einem kunstvoll verwobenen Duett (Sopran, Alt) und einem Rezitativ beschließt der Choral „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen“ (auf die Melodie „Wer nur den lieben Gott lässt walten“) die Kantate.

Vor dem dritten Meininger „Stück“ (so bezeichnete Bach diese Werke oft ganz schlicht) erklingt mit „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ BWV 170 (Text: Georg Christian Lehms, Urauff. 28. Juli 1726) die höchstwahrscheinlich erste Solo-Kantate, die Bach in Leipzig komponierte – in diesem Fall für eine Altstimme. Die erste Nummer, eine besonders innige und von einer Oboe d’Amore pastoral geprägte Arie, erinnert rhythmisch und melodisch an die Eröffnung der eine Woche zuvor erstmals erklungenen „Fischer-Kantate“ BWV 88, während in der zweiten Arie eine weitere Besonderheit zum Tragen kommt: Eine obligate, also solistisch eingesetzte Orgel unterstreicht die zwiespältige Stimmung des Textes („Wie jammern mich doch die verkehrten Herzen“) ebenso wie das Fehlen eines begleitenden Continuums. An dessen Stelle treten als Unterstimme unisono geführte Violinen und Bratschen – klingendes Symbol eines fehlenden Fundaments und tiefer Verunsicherung („Ich zittre recht und fühle tausend Schmerzen“). Figurativ-virtuose Züge nimmt das Orgelsolo in der Schlussarie an, deren Textbeginn „Mir ekelt mehr zu leben…“ Bach mit einem prägnanten Tritonussprung ausdeutet. Die Spannung zwischen dieser expressiven Geste und der trotzigen Tanzstimmung spiegelt auf subtile Weise den weiteren Textverlauf: „… drum nimm mich, Jesu, hin. Mir graut vor allen Sünden, lass mich dies Wohnhaus finden, woselbst ich ruhig bin.“

Zurück zu den „Meininger Kantaten“: Zu Christi Himmelfahrt schrieb Bach die Kantate „Gott fähret auf mit Jauchzen!“ BWV 43 (Urauff. 30. Mai 1726) auf Bibelworte (Psalm 47, 6–7 und Markus 16, 19), sechs Strophen eines anonymen Gedichtes und zwei Choralstrophen von Johann Rist. Der kompakte Eingangschor steigert sich nach einer ruhig fließenden, die Zuhörer auf eine falsche Fährte lockenden Streichereröffnung zu einer Fuge mit drei Trompeten und Pauke. Er gehört zum Prächtigsten und Mitreißendsten, was Bach komponiert hat. Kurz und tänzerisch bewegt sind auch die folgenden Arien, die alle Stimmlagen abdecken: Tenor („Ja tausend mal tausend begleiten den Wagen“), Sopran („Mein Jesus hat nunmehr das Heilandwerk vollendet“), Bass („Er ists, der ganz allein die Kelter hat getreten“, mit Solotrompete und einer prägnanten Ausmalung des im Text evozierten Bildes) und Alt („Ich sehe schon im Geist, wie er zu Gottes Rechten“). Passenderweise beschließt mit „Du Lebensfürst, Herr Jesu Christ“ auf die Melodie „Ermuntre dich, mein schwacher Geist“ ein Choral im Dreiertakt diese überaus schwungvolle Kantate, die der Textzeile „gib uns des Glaubens Flügel“ sprechend Ausdruck verleiht.

Dr. Juan Martin Koch (c) Kulturwald gGmbH 2026 

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Isabel Schicketanz

Die Stimme von Isabel Schicketanz ist farbenreich und ihre Gestaltung nah am Text orientiert. Sie studierte in Dresden bei Hendrikje Wangemann und Olaf Bär Gesang. Bereits jetzt kann sie auf zwei Gesamtaufnahmen blicken: Heinrich Schütz mit Hans-Christoph Rademann und Johann Kuhnau mit Gregor Meyer. Auch die Musik von Johann Sebastian Bach ist ihr stete Begleiterin, so in der Stuttgarter Reihe VISION. BACH oder „All of Bach“ bei der Nederlandse Bachvereniging. Glücklich schaut sie auf die Gründung Ihres Solistenensembles Ælbgut, welches bereits durch den OPUS KLASSIK und die deutsche Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde. Neben weiteren CDs (darunter ihr Debütalbum „Seelentrost“) ist brandneu erschienen: „Der letzte Mund voll Süße“ mit Bravourkantaten der Gebrüder Graun (gemeinsam mit dem Musikalischen Garten aus Basel). Im Juni 2026 erhielt Isabel Schicketanz für ihre Verdienste um die Pflege der Alten Musik in Mitteldeutschland die Johann-Walter-Medaille. 

Alex Potter

Alex Potter, der von der Times für seinen »ätherischen Ton und wunderbare Stimmführung« gelobt wurde, ist einer der führenden Countertenöre der europäischen Musikszene. Er tritt mit prominenten Dirigenten wie Philippe Herreweghe, Hans-Christoph Rademann, John Butt, Lars Ulrik Mortensen, Rudolf Lutz, Jos van Veldhoven und Stephan MacLeod auf. Neben den Werken von Bach und Händel gilt sein Interesse der Suche nach weniger bekanntem Repertoire, das er in Konzerten und Aufnahmen unter eigener Leitung singt. Seine Diskografie umfasst zahlreiche Ensemble- und Soloaufnahmen. Alex Potter studierte Musikwissenschaft am New College der Universität von Oxford. Er vertiefte seine Kenntnisse an der Schola Cantorum in Basel bei Gerd Türk und nahm zusätzlichen Unterricht bei Evelyn Tubb. 


Patrick Grahl

In Leipzig geboren, war Patrick Grahl Mitglied des Thomanerchores unter Georg Christoph Biller. Seit seiner Auszeichnung 2016 mit dem 1. Preis des 20. Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerbs ist er ein vielgefragter Konzert- und Oratoriensänger, dessen Arbeit zahlreiche CD- und  Rundfunkaufnahmen dokumentieren. Neben zahlreichen weiteren konzertanten Aufführungen legt der Tenor großen Wert auf kammermusikalische Projekte und Liederabende. Seiner Lied-CD „Dichterliebe“, begleitet von Daniel Heide, folgte 2024 gemeinsam mit Klara Hornig die CD „Das ferne Lied“ mit erstmals eingespielten Werken der Komponisten Wilhelm Weismann und Rudolf Wagner-Régeny. Patrick Grahl nimmt seit 2024/25 zwei Lehraufträge an den Musikhochschulen in Dresden und Leipzig wahr und ist als Kursdozent (u. a. bei der Bachakademie) tätig.  


Tobias Berndt 

Tobias Berndt hat sich besonders als Lied- und Konzertsänger international einen Namen gemacht. Seine Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Hans Christoph Rademann, Philippe Herreweghe, Helmuth Rilling, Sir Simon Rattle, Herbert Blomstedt oder Teodor Currentzis führte ihn zu bedeutenden Orchestern in ganz Europa. Sein umfangreiches Konzertrepertoire reicht von Monteverdi über die großen Oratorien von Händel, Bach, Haydn, Mozart, Mendelssohn und Britten, bis hin zu Uraufführungen von zeitgenössischen Komponisten wie Jörg Widmann. Der vielseitige Sänger begann seine musikalische Ausbildung im Dresdner Kreuzchor und studierte bei Hermann Christian Polster in Leipzig und bei Rudolf Piernay in Mannheim. Zu seinen Lehrern gehören außerdem Dietrich Fischer-Dieskau und Thomas Quasthoff. 


Gaechinger Cantorey

Die Gaechinger Cantorey ist das Ensemble der Internationalen Bachakademie Stuttgart. In ihm verbinden sich ein Barockorchester und ein handverlesener Chor zu einem fein aufeinander abgestimmten Originalklangkörper. Unter dem Dirigat von Akademieleiter Hans-Christoph Rademann hat sich dieses Ensemble die internationale Verbreitung eines »Stuttgarter Bachstils« auf die Fahne geschrieben. Das klangliche Rückgrat dieses charakteristischen Bachstils verkörpern zwei von der Bachakademie in Auftrag gegebene Nachbauten von Originalinstrumenten aus der Werkstatt des legendären Bach-Zeitgenossen Gottfried Silbermann: der seit 2016 zum Ensemble gehörende Nachbau einer zuvor im sächsischen Seerhausen entdeckten Truhenorgel von Silbermann sowie der Nachbau eines Silbermann-Cembalos, der seit 2021 das Ensemble komplettiert. Seit seiner Neugründung als Gaechinger Cantorey im Jahr 2016 hat sich das Ensemble mit zahlreichen Auftritten im In- und Ausland einen Namen gemacht; darüber hinaus geht die Gaechinger Cantorey mit ihrem Leiter Hans-Christoph Rademann einer regen Aufnahmetätigkeit nach. Unter dem Titel VISION.BACH wurden 2023/24 sämtliche Kantaten Johann Sebastian Bachs aus dessen erstem Jahr als Leipziger Thomaskantor aufgeführt – genau 300 Jahre nach dem historischen Ereignis – und auf CDs publiziert. Die überwältigende Resonanz und die bereichernde künstlerische Erfahrung für das Ensemble führen nun zur Fortsetzung dieses einmaligen Projekts mit Bachs drittem Leipziger Kantatenjahrgang (1725–27). 

Hans-Christoph Rademann

Der Dirigent Hans-Christoph Rademann ist ein international gefragter Interpret mit einem breiten Repertoire, das von der Wiederentdeckung Alter Musik bis zur Uraufführung zeitgenössischer Werke reicht. Schwerpunkte liegen bei Komponisten wie Johann Sebastian Bach und Heinrich Schütz. Hans-Christoph Rademann ist Gründer und Leiter des Dresdner Kammerchors, den er zu internationalem Ruhm führte. Er war Chefdirigent des NDR Chores und leitete von 2007 bis 2015 den RIAS Kammerchor Berlin. 2013 wurde er zum Akademieleiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart als Nachfolger von Helmuth Rilling berufen. Deren Ensemble, die Gaechinger Cantorey, hat er als Originalklangensemble neu gegründet. Mit dem Programm »BachBewegt!« baute er an der Bachakademie Stuttgart ein umfangreiches Education-Programm auf, das in seinem Niveau einzigartig ist. Seit 2000 ist Hans-Christoph Rademann Professor für Chordirigieren an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden. Außerdem ist er Intendant des Musikfests Erzgebirge, Botschafter des Erzgebirges und Schirmherr des Christlichen Hospizdienstes Dresden. 

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»Brich dem Hungrigen dein Brot« BWV 39
Kantate zum 1. Sonntag nach Trinitatis
Besetzung: Soli (SAB), Coro (SATB), Flauto dolce I, II, Oboe I, II, Violino I, II, Viola, Basso continuo
Entstehung: zum 23. Juni 1726 (Erstaufführung in der Nikolaikirche)
Text: Dichter unbekannt; Satz 1: Jesaja 58, 7–8; Satz 4: Hebräer 13, 16; Satz 7: Strophe 6
von »Kommt, lasst euch den Herren lehren« (David Denicke, 1648)

Prima Parte

1. Coro
Brich dem Hungrigen dein Brot und die,
so im Elend sind, führe ins Haus.
So du einen nacket siehest, so kleide ihn
und entzeuch dich nicht von deinem Fleisch.
Alsdenn wird dein Licht herfürbrechen
wie die Morgenröte, und deine Besserung
wird schnell wachsen, und deine Gerechtigkeit
wird für dir hergehen, und die Herrlichkeit
des Herrn wird dich zu sich nehmen.

2. Recitativo Basso
Der reiche Gott wirft seinen Überfluss
Auf uns, die wir ohn ihn
auch nicht den Odem haben.
Sein ist es, was wir sind; er gibt nur den Genuss,
Doch nicht, dass uns allein
nur seine Schätze laben.
Sie sind der Probestein,
wodurch er macht bekannt,
Dass er der Armut auch
die Notdurft ausgespendet,
Als er mit milder Hand,
Was jener nötig ist, uns reichlich zugewendet.
Wir sollen ihm für sein gelehntes Gut
Die Zinse nicht in seine Scheuern bringen;
Barmherzigkeit, die auf dem Nächsten ruht,
Kann mehr als alle Gab ihm an das Herze dringen.

3. Aria Alto
Seinem Schöpfer noch auf Erden
Nur im Schatten ähnlich werden,
Ist im Vorschmack selig sein.
Sein Erbarmen nachzuahmen,
Streuet hier des Segens Samen,
Den wir dorten bringen ein.

Seconda Parte

4. Arioso Basso
Wohlzutun und mitzuteilen vergesset nicht;
denn solche Opfer gefallen Gott wohl.

5. Aria Soprano
Höchster, was ich habe,
Ist nur deine Gabe.
Wenn vor deinem Angesicht
Ich schon mit dem Deinen
Dankbar wollt erscheinen,
Willst du doch kein Opfer nicht

6. Recitativo Alto
Wie soll ich dir o Herr!
denn sattsamlich vergelten,
Was du an Leib und Seel mir hast zugut getan?
Ja, was ich noch empfang,
und solches gar nicht selten,
Weil ich mich jede Stund
noch deiner rühmen kann?
Ich hab nichts als den Geist,
dir eigen zu ergeben,
Dem Nächsten die Begierd,
daß ich ihm dienstbar werd,
Der Armut, was du mir gegönnt in diesem Leben, 
Und, wenn es dir gefällt,
den schwachen Leib der Erd.
Ich bringe, was ich kann, Herr!
lass es dir behagen,
Dass ich, was du versprichst,
auch einst davon mög tragen. 

7. Choral
Selig sind, die aus Erbarmen
Sich annehmen fremder Not,
Sind mitleidig mit den Armen,
Bitten treulich für sie Gott.
Die behülflich sind mit Rat,
Auch, wo möglich, mit der Tat,
Werden wieder Hülf empfangen
Und Barmherzigkeit erlangen. 


»Siehe, ich will viel Fischer aussenden« BWV 88
Kantate zum 5. Sonntag nach Trinitatis
Besetzung: Soli (SATB), Coro (SATB), Corno I, II, Oboe d'amore I, II, Taille,
Violino I, II, Viola, Basso continuo
Entstehung: zum 21. Juli 1726 (Erstaufführung in der Nikolaikirche)
Text: Dichter unbekannt; Satz 1: Jeremia 16, 16; Satz 4: Lukas 5, 10; Satz 7: Strophe 7
von »Wer nur den lieben Gott lässt walten« (Georg Neumark, 1641, Erstdruck 1657) 

Prima parte

1. Aria Basso
Siehe, ich will viel Fischer aussenden,
spricht der Herr, die sollen sie fischen.
Und darnach will ich viel Jäger aussenden,
die sollen sie fahen auf allen Bergen
und allen Hügeln und in allen Steinritzen.

2. Recitativo Tenore
Wie leichtlich könnte doch
der Höchste uns entbehren
Und seine Gnade von uns kehren,
Wenn der verkehrte Sinn sich böslich
von ihm trennt
Und mit verstocktem Mut
In sein Verderben rennt.
Was aber tut
Sein vatertreu Gemüte?
Tritt er mit seiner Güte
Von uns, gleich so wie wir von ihm, zurück,
Und überlässt er uns
der Feinde List und Tück?

3. Aria Tenore
Nein, Gott ist allezeit geflissen,
Uns auf gutem Weg zu wissen
Unter seiner Gnade Schein.
Ja, wenn wir verirret sein
Und die rechte Bahn verlassen,
Will er uns gar suchen lassen.

Seconda parte

4. Recitativo Tenore ed Arioso Basso
Jesus sprach zu Simon:
Fürchte dich nicht; denn von nun an
wirst du Menschen fahen.

5. Aria Duetto Soprano, Alto
Beruft Gott selbst, so muss der Segen
Auf allem unsern Tun
Im Übermaße ruhn,
Stünd uns gleich Furcht und Sorg entgegen.
Das Pfund, so er uns ausgetan,
Will er mit Wucher wiederhaben;
Wenn wir es nur nicht selbst vergraben,
So hilft er gern, damit es fruchten kann. 

6. Recitativo Soprano
Was kann dich denn
in deinem Wandel schrecken,
Wenn dir, mein Herz,
Gott selbst die Hände reicht?
Vor dessen bloßem Wink
schon alles Unglück weicht,
Und der dich mächtiglich
kann schützen und bedecken.
Kommt Mühe, Überlast, Neid,
Plag und Falschheit her
Und trachtet, was du tust,
zu stören und zu hindern,
Lass kurzes Ungemach
den Vorsatz nicht vermindern;
Das Werk, so er bestimmt,
wird keinem je zu schwer.
Geh allzeit freudig fort,
du wirst am Ende sehen,
Dass, was dich eh gequält,
dir sei zu Nutz geschehen!

7. Choral
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
Verricht das Deine nur getreu
Und trau des Himmels reichem Segen,
So wird er bei dir werden neu;
Denn welcher seine Zuversicht
Auf Gott setzt, den verlässt er nicht. 


»Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust« BWV 170
Kantate zum 6. Sonntag nach Trinitatis
Besetzung: Alto solo, Oboe d'amore, Violino I, II, Viola, Organo obligato, Basso continuo
Entstehung: zum 28. Juli 1726 (Erstaufführung in der Thomaskirche)
Text: Georg Christian Lehms, 1711 

1. Aria
Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust,
Dich kann man nicht bei Höllensünden,
Wohl aber Himmelseintracht finden;
Du stärkst allein die schwache Brust.
Drum sollen lauter Tugendgaben
In meinem Herzen Wohnung haben.

2. Recitativo
Die Welt, das Sündenhaus,
Bricht nur in Höllenlieder aus
Und sucht durch Hass und Neid
Des Satans Bild an sich zu tragen.
Ihr Mund ist voller Ottergift,
Der oft die Unschuld tödlich trifft,
Und will allein von Racha sagen.
Gerechter Gott, wie weit
Ist doch der Mensch von dir entfernet;
Du liebst, jedoch sein Mund
Macht Fluch und Feindschaft kund
Und will den Nächsten nur mit Füßen treten.
Ach! diese Schuld ist schwerlich zu verbeten.

3. Aria
Wie jammern mich doch
die verkehrten Herzen,
Die dir, mein Gott, so sehr zuwider sein;
Ich zittre recht
und fühle tausend Schmerzen,
Wenn sie sich nur an Rach und Hass erfreun.
Gerechter Gott,
was magst du doch gedenken,
Wenn sie allein mit rechten Satansränke
Dein scharfes Strafgebot so frech verlacht.
Ach! ohne Zweifel hast du so gedacht:
Wie jammern mich doch 
die verkehrten Herzen! 

4. Recitativo
Wer sollte sich demnach
Wohl hier zu leben wünschen,
Wenn man nur Hass und Ungemach
Vor seine Liebe sieht?
Doch, weil ich auch den Feind
Wie meinen besten Freund
Nach Gottes Vorschrift lieben soll,
So flieht
Mein Herze Zorn und Groll
Und wünscht allein bei Gott zu leben,
Der selbst die Liebe heißt.
Ach, eintrachtvoller Geist,
Wenn wird er dir doch
nur sein Himmelszion geben?

5. Aria
Mir ekelt mehr zu leben,
Drum nimm mich, Jesu, hin!
Mir graut vor allen Sünden,
Lass mich dies Wohnhaus finden,
Wo selbst ich ruhig bin. 


»Gott fähret auf mit Jauchzen« BWV 43
Kantate zu Christi Himmelfahrt
Besetzung: Soli (SATB), Coro (SATB), Tromba I-III, Timpani, Oboe I, II, Violino I, II, Viola,
Basso continuo
Entstehung: zum 30. Mai 1726 (Erstaufführung zum Frühgottesdienst in der Nikolaikirche
und zum Vespergottesdienst in der Thomaskirche)
Text: Dichter unbekannt; Satz 1: Psalm 47, 6–7; Satz 4: Markus 16, 19; Satz 11: Strophen 1 und
13 von »Du Lebensfürst, Herr Jesu Christ« (Johann Rist, 1641) 

Prima parte

1. Coro
Gott fähret auf mit Jauchzen
und der Herr mit heller Posaune.
Lobsinget, lobsinget Gott;
lobsinget, lobsinget unserm Könige.

2. Recitativo Tenore
Es will der Höchste sich
ein Siegsgepräng bereiten,
Da die Gefängnisse er selbst gefangen führt.
Wer jauchzt ihm zu?
Wer ists, der die Posaunen rührt?
Wer gehet ihm zur Seiten?
Ist es nicht Gottes Heer,
Das seines Namens Ehr,
Heil, Preis, Reich, Kraft und Macht
mit lauter Stimme singet
Und ihm nun ewiglich ein Halleluja bringet?

3. Aria Tenore
Ja tausendmal tausend begleiten den Wagen,
Dem König der Kön'ge lobsingend zu sagen,
Dass Erde und Himmel
sich unter ihm schmiegt,
Und was er bezwungen, nun gänzlich erliegt.

4. Recitativo Soprano
Und der Herr,
nachdem er mit ihnen geredet hatte,
ward er aufgehoben gen Himmel
und sitzet zur rechten Hand Gottes.

5. Aria Soprano
Mein Jesus hat nunmehr
Das Heilandwerk vollendet
Und nimmt die Wiederkehr
Zu dem, der ihn gesendet.
Er schließt der Erde Lauf,
Ihr Himmel, öffnet euch
Und nehmt ihn wieder auf! 

Seconda parte

6. Recitativo Basso
Es kommt der Helden Held,
Des Satans Fürst und Schrecken,
Der selbst den Tod gefällt,
Getilgt der Sünden Flecken,
Zerstreut der Feinde Hauf;
Ihr Kräfte, eilt herbei
Und holt den Sieger auf!

7. Aria Basso
Er ists, der ganz allein
Die Kelter hat getreten
Voll Schmerzen, Qual und Pein,
Verlorne zu erretten
Durch einen teuren Kauf.
Ihr Thronen, mühet euch
Und setzt ihm Kränze auf!

8. Recitativo Alto
Der Vater hat ihm ja
Ein ewig Reich bestimmet;
Nun ist die Stunde nah,
Da er die Krone nimmet
Vor tausend Ungemach;
Ich stehe hier am Weg
Und schau ihm freudig nach.

9. Aria Alto
Ich sehe schon im Geist,
Wie er zu Gottes Rechten
Auf seine Feinde schmeißt,
Zu helfen seinen Knechten
Aus Jammer, Not und Schmach;
Ich stehe hier am Weg
Und schau ihm sehnlich nach. 

10. Recitativo Soprano
Er will mir neben sich
Die Wohnung zubereiten,
Damit ich ewiglich
Ihm stehe an der Seiten,
Befreit von Weh und Ach.
Ich stehe hier am Weg
Und ruf ihm dankbar nach:

11. Choral
Du Lebensfürst, Herr Jesu Christ,
Der du bist aufgenommen
Gen Himmel, da dein Vater ist
Und die Gemein der Frommen:
Wie soll ich deinen großen Sieg,
Den du durch einen schweren Krieg
Erworben hast, recht preisen
Und dir gnug Ehr erweisen?
Zieh uns dir nach, so laufen wir,
Gib uns des Glaubens Flügel!
Hilf, dass wir fliehen weit von hier
Auf Israelis Hügel.
Mein Gott! wenn fahr ich doch dahin,
Woselbst ich ewig fröhlich bin?
Wenn werd ich vor dir stehen,
Dein Angesicht zu sehen?