20.11.25
Jewish Chamber Orchestra Munich
Donnerstag, 20. November 2025, 19 Uhr
Goldberg-Variationen
Jewish Chamber Orchestra Munich
Leitung: Daniel Grossmann
Violine 1: Sandor Galgoczi, David Tumasov, Gertrud Schilde, Marta Hunziker, Edina Kozma
Violine 2: Alessandro Calzavara, Julia Mangold, Nicoletta Ferrari, Mariko Umae
Viola: Charlotte Walterspiel, Alba González i Becerra, Sophie von Hutten
Violoncello: Aniko Zeke, Emil Bekir
Kontrabass: Maximilian Fraas
Flöte: Dominika Hucka
Oboe: Hideki Machida
Englischhorn: Marlene Gomes
Fagott: Teimuraz Bukhnikashvili
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Konzertdauer: ca. 90 min, keine Pause
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Johann Sebastian Bach (1685–1750)
Goldberg-Variationen BWV 988
für
kleines Orchester eingerichtet von
Józef Koffler (1896–1944)
Aria
Variatio 1
Variatio 2
Variatio 3 (Canone all’ Unisuono)
Variatio 4
Variatio 5
Variatio 6 (Canone alla Seconda)
Variatio 7 (al tempo di Giga)
Variatio 8
Variatio 9 (Canone alla Terza)
Variatio 10 (Fugetta)
Variatio 11
Variatio 12 (Canone alla Quarta)
Variatio 13
Variatio 14
Variatio 15 (Canone alla Quinta)
Variatio 16 (Ouverture)
Variatio 17
Variatio 18 (Canone alla Sexta)
Variatio 19
Variatio 20
Variatio 21 (Canone alla Settima)
Variatio 22
Variatio 23
Variatio 24 (Canone all’ Ottava)
Variatio 25 (adagio)
Variatio 26
Variatio 27 (Canone alla Nona)
Variatio 28
Variatio 29
Variatio 30 (Quodlibet)
Aria
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Wenn Johann Sebastian Bach am Ende seiner Goldberg-Variationen die „Aria“ wiederholt, die er zuvor in immer neuen Facetten erkundet hat, stellt sich ein magischer Effekt ein: Wir Zuhörer kehren wie von einer Reise nach Hause zurück, bereichert von den Eindrücken, die wir empfangen durften. Dieses Zuhause hat sich aber gewandelt. Wir hören mit anderen Ohren, denn nun schwingen alle 30 Variationen mit. Die Aria ist aufgeladen mit Erinnerungen an die Ausflüge in harmonische und melodische Regionen, die Bach in ihren 32 Takten aufgespürt hat. Das Gerüst aus ab- und aufsteigenden Bassnoten, über dem die Aria sich entfaltet, bildete dafür das Ausgangsmaterial.
32 Takte – 32 Sätze (30 Variationen plus zweimal Aria): Auch wenn man einen Blick auf die Abfolge der Variationen wirft, wird deutlich, dass Bach wie so oft in seinen Gipfelwerken sehr planvoll vorgegangen ist. Er ordnet sie in Dreiergruppen, an deren Ende jeweils ein Kanon steht. Im ersten Kanon antwortet der zweite Einsatz des Themas auf der selben Tonstufe („all’ Unisuono“), im zweiten im Sekundabstand („alla Seconda“), im dritten im Terzabstand („alla Terza“) und so weiter bis zum neunten Kanon („alla Nona“). Die zehnte und letzte Dreiergruppe krönt Bach dann mit einem Quodlibet, in dem er zwei volkstümliche Melodien („Ich bin so lang nicht bei dir gewest“ und „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“) übereinanderlegt. „Mashup“ würde man das heute nennen, und auch damals war diese Satzart durchaus mit einem Augenzwinkern versehen.
In den anderen Variationen fächert Bach das ganze Spektrum der Tastenmusik seiner Zeit auf. Eine wichtige Rolle spielen dabei tokkatenhaft virtuose Gesten (Var. 14, Var. 20, Var. 23, Var. 26, Var. 29) und die Allgegenwart von Tanzcharakteren So scheinen unter anderem eine Sarabande (Var. 13), eine Allemande (Var. 21) und eine Courante (Var. 24) auf, womit die Goldberg-Variationen sich gattungsgeschichtlich der „Variationspartita“ zuordnen lassen.
Eine Sonderstellung nimmt die 16. Variation ein, die im Stil einer französischen Ouvertüre den zweiten Teil des Zyklus majestätisch einleitet. In sich gekehrte Ruhepole bilden die Moll-Sätze (Var. 15 als Abschluss des ersten Teils, Var. 21 und Var. 25). Sie scheinen noch am ehesten zu der Entstehungslegende zu passen, derzufolge Bach das Werk 1741 für den Dresdner Grafen Hermann Carl Keyserlingk komponiert haben soll, der es sich von seinem Hauscembalisten Johann Gottlieb Goldberg in schlaflosen Nächten vorspielen ließ.
Am heutigen Abend erklingt eine besondere Fassung der Goldberg-Variationen. Der polnisch-jüdische Komponist Józef Koffler bearbeitete sie 1938 für Kammerorchester, zu einer Zeit also, da das Werk noch längst nicht jene Berühmtheit hatte, die es ab Mitte der 1950er Jahre vor allem durch Glenn Goulds ikonische Aufnahme erlangen sollte.
Koffler, der in Wien studiert und gearbeitet hatte, bevor er ab 1924 im damals polnischen Lemberg am Konservatorium lehrte und als Musikkritiker wirkte, zählte zur musikalischen Avantgarde und setzte sich für die Zwölftontechnik Arnold Schönbergs ein. Beim Einmarsch der Deutschen 1941 wurde er mit seiner Familie verhaftet und ins Ghetto Wieliczka gebracht. Nach dessen Auflösung 1943 konnten die Kofflers noch der Deportation ins Vernichtungslager Belzec entkommen, wurden Anfang 1944 aber aller Wahrscheinlichkeit nach auf der Flucht erschossen.
Koffler setzt den kleinen Orchesterapparat – zu den Streichern treten Flöte, Oboe, Englischhorn und Fagott – nicht bloß koloristisch ein. Vielmehr unterstreicht er durch wechselnde Konstellationen und Stärken der Besetzung die verschiedenen Charakteristiken der Variationen. So sind die Kanons oft zu kammermusikalischer Intimität reduziert (Variationen 6, 9, 15, 18 und 21), während andere Sätze durch die volle Besetzung eine Fülle erhalten, die sie in die Nähe Bach’scher Orchestersuiten rücken. Besonders deutlich und passend ist dies bei der zentralen Ouvertüre, die mit der anschließenden Variation 17 ein quasi zusammenhängendes Paar bildet.
Behutsam macht Koffler an einigen Stellen auch Melodielinien deutlich, die sich durch die kontrapunktische Verflechtung ergeben (Var. 8 und 27), setzt mit dem Fagott kleine humoristische Akzente (Var. 10) oder schlägt mit markanten Streicher-Pizzikati einen neoklassizistischen, an Strawinskys „Pulcinella“ erinnernden Tonfall an (Var. 28).
Über solche reizvollen und gelungenen Details hinaus beeindruckt aber vor allem, wie Kofflers Instrumentierung seine souveräne Durchdringung der Satzstrukturen hörbar macht, ohne dass er uns damit eine mit erhobenem Zeigefinger präsentierte klingende Analyse zumuten würde. Kein Zweifel – über das Gedenken an ein bewegendes Schicksal hinaus gebührt dieser Bach-Bearbeitung ein besonderer Platz in der Musikgeschichte.
Dr. Juan Martin Koch (c) Kulturwald gGmbH 2025
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JEWISH CHAMBER ORCHESTRA MUNICH
„Ein kleines Ensemble mit großer Wirkung.“ (Süddeutsche Zeitung)
Das JEWISH CHAMBER ORCHESTRA MUNICH wurde 2005 von Daniel Grossmann gegründet und hat sich seither ein einzigartiges Profil erarbeitet: Es versteht sich als zeitgenössische jüdische Stimme und geht mit immer neuen Allianzen und Formaten ungewöhnliche Wege, um jüdische Gegenwartskultur lebendig und für jeden hör-, erleb- und sichtbar zu machen — ein international relevantes Anliegen, das vom Orchester mit Selbstverständlichkeit in die Welt hinausgetragen wird. Neben Tourneen u. a. nach Israel, Osteuropa, Skandinavien, Nordamerika und China tritt das JCOM bei Gastspielen innerhalb Deutschlands als Botschafter jüdischer Kultur in Erscheinung. Es ist ein Orchester für alle Nationen und Religionen, seine Musiker kommen aus über zwanzig Ländern und sind jüdisch und nicht-jüdisch.
Auf höchstem künstlerischen Niveau pflegt das JCOM die reiche jüdische Musiktradition und ein Repertoire, das vom Barock bis in die Gegenwart reicht: Es bringt vergessene jüdische Komponist*innen ans Licht und füllt ehemalige Orte jüdischen Lebens mit lebendiger Kultur. Es vergibt regelmäßig Kompositionsaufträge an junge Komponist*innen und pflegt langjährige Kooperationen mit wichtigen Münchner Kulturinstitutionen wie der Bayerischen Staatsoper oder dem Museum Villa Stuck. Die langjährige Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen bekommt ab der Spielzeit 2025-26 eine neue Form: Ab der Spielzeit 2025-26 ist das JCOM dort Orchestra in Residence.
Ein vielfältiges Education- und Vermittlungsprogramm rundet das Profil des Orchesters ab. Dazu gehören Konzerte für Kinder und Jugendliche, aber auch besondere Projekte, wie z.B. die E-Learning-Plattform Musik im KZ Theresienstadt, die einen Einblick in die Lebensbedingungen und das Kulturschaffen im Konzentrationslager gibt (www.jcom.de/elearning). Kürzlich entstand gemeinsam mit 250 Münchner Schüler*innen eine neue Hymne für die Initiative Rot gegen Rassismus des FC Bayern München.
Vom JCOM liegen u.a. Einspielungen mit Werken von Mieczysław Weinberg, Fanny Hensel und Felix Mendelssohn und Paul Ben-Haim vor. Die Aufnahme Jewish Vienna gemeinsam mit Sopranistin Chen Reiss ist gerade erschienen. Werke jüdischer Komponist*innen in professionellen Bild- und Klangaufnahmen präsentiert das JCOM außerdem seit 2020 online auf seinem YouTube-Kanal www.jcomtv.de.
2025 feiert das JCOM sein 20-jähriges Jubiläum mit vielen spannenden neuen Konzertprojekten, u.a. dem großen von der EVZ-Stiftung ermöglichten Projekt Die Schlüssel von Toledo zur Musik und Geschichte der sephardischen Juden.
Mehr zum JCOM unter www.jcom.de
Daniel Grossmann
„In brillianter Balance stellt das JCOM unter dem Dirigat von Daniel Grossmann die Vielfältigkeit der Tonsprache heraus. Fein führt dieser die kleinen wuchtigen Entladungen, die aus der eher zarten Grundierung brechen.“ (neue musikzeitung)
Daniel Grossmann beschäftigt sich bereits sein gesamtes Berufsleben über mit der Frage, wie jüdische Kultur ihren Platz im kollektiven gesellschaftlichen Bewusstsein einnehmen kann und wie er über die Vermittlung dieser Kultur zum interkulturellen Dialog beitragen kann. Aus dieser Fragestellung heraus gründete der Dirigent 2005 das JEWISH CHAMBER ORCHESTRA MUNICH (zunächst Orchester Jakobsplatz München), das sich seitdem unter seiner Leitung zu einem international beachteten, professionellen Klangkörper auf musikalisch hohem Niveau entwickelt hat und auch im vielfältigen Münchner Kulturleben durch seine außergewöhnlichen Projekte heraussticht.
Dabei richtet Daniel Grossmann den Fokus immer auf Projekte, die etwas mit dem heute, hier und jetzt zu tun haben. Er kombiniert gekonnt die Musik vergangener Epochen mit aktuellen Darstellungsformen und macht die Konzerte des JCOM zu eindrucksvollen Erlebnissen für die Zuhörer. Selbstverständlich beschäftigt er sich auch mit ‚vergessenen‘ jüdischen Komponisten, die er als ausdruckstarker Redner in moderierten Konzerten präsentiert.
Daniel Grossmann stammt aus einer jüdisch-ungarischen Familie und wurde 1978 in München geboren, wo er bis heute lebt. Seine Dirigentenausbildung begann er bei Hans-Rudolf Zöbeley, studierte dann in New York an der Metropolitan Opera bei Scott Bergeson und an der Franz-Liszt- Musikakademie in Budapest bei Ervin Lukács. Seine Diskographie umfasst Aufnahmen jüdischer Komponisten wie Felix Mendelssohn und Fanny Hensel, Alexander Zemlinsky, Viktor Ullmann, Paul Ben-Haim und Marc Neikrug, sowie Werke von Iannis Xenakis, John Cage und Beethoven.
Als Anerkennung für seine
unermüdliche Arbeit der Kulturvermittlung wurde er vom Bayerischen
Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst mit dem ‚Pro meritis
scientiae et litterarum‘-Preis ausgezeichnet. 2025 erhielt Daniel
Grossmann als ‚herausragender Botschafter jüdischen Lebens und jüdischer
Musikkultur und als Kulturvermittler für die Sichtbarkeit jüdischen
Lebens in der Öffentlichkeit‘ den Ehrenpreis der Stiftung Münchner
Bürgerpreis für Demokratie – gegen Vergessen.