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15.05.25

Patricia Kopatchinskaya & Camerata Bern – Time & Eternity

Donnerstag, 15. Mai 2025, 19 Uhr

Patricia Kopatchinskaja - Konzept, Leitung und Violine
Markus Güdel - Lichtdesign
Wieslaw Pipczynski - Akkordeon
Beata Würsten, Sarah Würsten, Monika Würsten - Gesang

Camerata Bern
Violine 1: Lily Higson-Spence, Hyunjong Reents-Kang, Gil Sisquella Oncins, Constant Clermont
Violine 2: Vlad Popescu, Sibylla Leuenberger, Christina Merblum Bollschweiler, Andrea García
Viola: Marko Milenkovic, Friedemann Jähnig, Justin Caulley, Alberto Rodriguez
Violoncello: Thomas Kaufmann, Gabriel Wernly, Nikolai Gimaletdinov, Stephanie Meyer
Kontrabass: Käthi Steuri, Ivan Nestic
Pauke: Pascal Viglino

International Tour Management: HarrisonParrott

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Konzertdauer: ca. 40 Min. │ Pause │ ca. 40 min.
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John Zorn (*1953)
Kol Nidre

Elijahu Hanawi (Elias der Prophet)
(traditionell)

Karl Amadeus Hartmann (1905–1963)
Concerto funebre für Violine und Streicher
I. Introduction (Largo)
II. Adagio
III. Allegro di molto
IV. Choral (Langsamer Marsch)

„Unsterbliche Opfer“ & War Cadenza (Improvisation)
arrangiert von Wieslaw Pipczynski

Tadeusz Sygietynski (1896–1955)
Dwa serduszka (Zwei Herzen)

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PAUSE
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Guillaume de Machaut (~1300–1377)
Kyrie aus der Messe de Nostre-Dame

Frank Martin (1890–1974)
Polyptyque für Violine und zwei kleine Streichorchester
I. Image des Rameaux

Johann Sebastian Bach (1685–1750)

Ach großer König
Choral aus der Johannes-Passion BWV 245

Frank Martin
II. Image de la Chambre haute
aus Polyptyque

Johann Sebastian Bach

Als Jesus Christus in der Nacht
Choral BWV 265

Frank Martin

III. Image de Juda
aus Polyptyque

Johann Sebastian Bach
Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn
Choral aus der Johannes-Passion BWV 245

Frank Martin

IV. Image de Gethsémané
aus Polyptyque

Johann Sebastian Bach
Wer hat dich so geschlagen
Choral aus der Johannes-Passion BWV 245

Frank Martin
V. Image du Jugement
aus Polyptyque

Luboš Fišer (1935–1999)
Crux für Violine, Pauken und Glocken

Frank Martin
VI. Image de la Glorification
aus Polyptyque

Johann Sebastian Bach
O große Lieb’
Choral aus der Johannes-Passion BWV 245

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Kol Nidre
Mögen alle Wünsche, die persönlichen und gemeinschaftlichen Verbote, die Schwüre,
die wir geleistet, und Ähnliches, das wir formuliert haben werden…
Mögen sie null und nichtig sein, da wir nicht sicher sind, sie halten zu können…
Unsere Verpflichtungen sind keine Verpflichtungen mehr, unsere Schwüre sind keine Schwüre mehr.

Elijahu Hanawi
Elias der Prophet
Elias der Toschaviter
Elias der Giladiter
rasch komme er zu uns mit
dem Gesalbten, dem Sohne David.

Unsterbliche Opfer
Unsterbliche Opfer ihr sanket dahin
wir stehen und weinen voll Schmerz Herz und Sinn
Ihr kämpftet und starbet für kommendes Recht
wir aber wir trauern der Zukunft Geschlecht
Einst aber wenn Freiheit den Menschen erstand
und all euer Sehnen Erfüllung fand
Dann werden wir künden wie ihr einst gelebt
zum Höchsten der Menschheit empor nur gestrebt.

Dwa serduszka
Zwei Herzen vier Augen
Die Tag und Nacht weinten
Dunkle Augen die weinen und denen du nicht begegnen kannst
denen du nicht begegnen kannst
oh oh oh

Meine Mutter mahnte mich,
Den Jungen nicht zu lieben
Für die Älteren ist Liebe wichtig, für die Jugend ist Liebe verboten.
Für die Jugend ist Liebe verboten
oh oh oh

Wer wäre stark genug (ihn zurückzuweisen)
Wenn der Junge gut aussieht und angenehm ist
Man hätte ein Herz aus Stein, würde man ihn nicht lieben
ihn nicht lieben
oh oh oh

Meine Mutter mahnte mich,
Den Jungen nicht zu lieben
doch ich will ihn fest halten, ich will ihn lieben bis zu meinem Tod
Ich will ihn lieben bis zu meinem Tod
oh oh oh

Choral „Ach, großer König“
Ach, großer König, groß zu allen Zeiten,
wie kann ich gnugsam diese Treu ausbreiten,
keins Menschen Herze mag indes ausdenken,
was dir zu schenken.

Ich kann's mit meinen Sinnen nicht erreichen,
womit doch dein Erbarmen zu vergleichen,
wie kann ich dir denn deine Liebestaten
im Werk erstatten?

Choral „Als Jesus Christus in der Nacht“
Als Jesus Christus in der Nacht,
Darin er ward verrathen,
Auf unser Heil war ganz bedacht,
Dasselb' uns zu erstatten.

Da nahm er in die Hand das Brot,
Und brach's mit seinen Fingern,
Sah auf gen Himmel, dankte Gott,
Und sprach zu seinen Jüngern:

Nehmt hin und esst, das ist mein Leib,
Der für euch wird gegeben,
Und denket, dass ich euer bleib'
Im Tod und auch im Leben.

Choral „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn“
Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn,
muß uns die Freiheit kommen,
dein Kerker ist der Gnadenthron,
die Freistatt aller Frommen;
denn gingst du nicht die Knechtschaft ein,
müßt unsre Knechtschaft ewig sein.

Choral „ Wer hat dich so geschlagen“
Wer hat dich so geschlagen,
mein Heil, und dich mit Plagen
so übel zugericht',
du bist ja nicht ein Sünder
wie wir und unsre Kinder,
von Missetaten weißt du nicht.

Ich, ich und meine Sünden,
die sich wie Körnlein finden
des Sandes an dem Meer,
die haben dir erreget
das Elend, das dich schläget,
und das betrübte Marterheer.

Choral „O große Lieb“
O große Lieb, o Lieb ohn alle Maße,
die dich gebracht auf diese Marterstraße,
ich lebte mit der Welt in Lust und Freuden,
und du mußt leiden.

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„Musik der Trauer“ hat Karl Amadeus Hartmann sein Konzert für Violine und Streichorchester zunächst genannt, als er es von Sommer bis Herbst 1939 komponierte. Es entstand in der inneren Emigration, unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Ursprünglicher Auslöser war die von den Nazis 1938 provozierte Sudetenkrise gewesen, der im März 1939 der Einmarsch in Prag folgte. Später, im Zuge der Umarbeitung 1959, wählte Hartmann den italienischen Titel „Concerto funebre“ (Trauer-Konzert). Um dieses Bekenntniswerk herum hat Patricia Kopatchinskaja das Programm „Time & Eternity“ (Zeit und Ewigkeit) konzipiert. Unterstützt von Markus Güdels Lichtdesign stellt sie Hartmanns Konzert in einen Kontext, der über ästhetische und musikhistorische Bezüge weit hinausgeht und den Opfern dieser dunklen Zeit eine Stimme verleiht, was die Geigerin so in Worte fasst: „Diese Musik ist aus dem Blut und den Tränen gequälter Seelen entstanden: einem unterdrückten Schrei, murmelnden Stimmen in der Stille größter Angst, Kriegslärm in einer improvisierten Kadenz … Sie handelt von uns, unserer Vergangenheit und unserer Zukunft.“

So beginnt das Konzert mit John Zorns Bearbeitung der jüdischen Gebetsformel „Kol Nidre“. Die zerbrechlichen Flageoletts der hohen Streicher beleuchten die berühmte Melodie wie flackernde Kerzen, ehe der instrumentale Gesang sich immer weiter intensiviert.

Das Violinkonzert wird anschließend umrahmt von zwei Liedern, die Hartmann in seinem Werk zitiert: „Elijahu Hanawi“ (Elias der Prophet) ein jüdisches Lied, taucht gegen Ende des letzten Satzes fragmentarisch auf. Dieser wird ansonsten von einer anderen, trauermarschartigen Melodie geprägt, dem russischen Begräbnislied für die Opfer der Revolution von 1905, deren Text Hermann Scherchen unter dem Titel „Unsterbliche Opfer“ nachgedichtet und die später auch Dmitri Schostakowitsch in seiner 11. Sinfonie verwendet hat.

Seinen Charakter als Ausnahmewerk entfaltet Karl Amadeus Hartmanns „Concerto funebre“ von Beginn an, wenn nach einem energischen Impuls des Streichorchesters die Violine flüsternd den Choral „Die ihr Gottes Streiter seid“ anstimmt. Mit diesem Kampflied der Hussiten spielt Hartmann ganz direkt auf den Überfall auf die Tschechoslowakei an. Diese Largo-Einleitung führt unmittelbar in den zweiten Satz, ein zwischen emotionalen Ausbrüchen und stiller Resignation changierendes Adagio, das im geigerischen Tonfall an Alban Bergs Violinkonzert (1935) und in der freitonalen Harmonik an Paul Hindemiths Trauermusik für Viola und Streichorchester (1936) erinnert. Als größtmöglicher Kontrast bricht das anschließende Allegro di molto in Wut und Verzweiflung aus. Die in hämmernden Rhythmen und Tonwiederholungen sich aufstauende Energie entlädt sich in einer Solokadenz, die sanft verklingt, ehe der als „Choral (Langsamer Marsch)“ bezeichnete vierte Satz mit dem Zitat „Unsterbliche Opfer“ anhebt. Der Klagegesang, den die Solovioline in diesem Umfeld anstimmt, formuliert bei aller Trauer die Hoffnung, dass Musik als „Gegenaktion“ – neben „Bekenntnis“ ein weiterer Schlüsselbegriff im Schaffen Hartmanns – nie verstummen wird. Ein trotziger, dissonant aufgerauter Dur-Akkord im fortissimo unterstreicht als Schlussgeste diese Haltung.

Nachdem der erste Programmteil mit dem polnischen Volkslied „Zwei Herzen“ ausklingt, wechselt der zweite die Perspektive hin zu einem christlichen Blickwinkel. Im Mittelpunkt steht hier Frank Martins „Polyptique“ für Violine und zwei kleine Streichorchester von 1973. Der jüdische Geiger Yehudi Menuhin hatte das Werk bei Martin zum 25. Geburtstag des Internationalen Musikrates in Auftrag gegeben, dessen Präsident er zu dieser Zeit war. Der Komponist ließ sich dafür durch Bilder des italienischen Malers Duccio di Buoninsegna inspirieren, die auf der Rückseite des Altarbildes im Dom zu Siena (1308–1311) Szenen aus der Passionsgeschichte zeigen. Zwischen den beiden nach Vorbild von Bachs doppelchöriger Matthäuspassion aufgeteilten Streichergruppen steht die Violine, mal als Protagonistin des Geschehens, mal als reflektierendes Individuum.

Frank Martin schwebte dabei keine musikalische Darstellung im konkreten Sinne vor: „Die verschiedenen Szenen, die ich heraufbeschwören wollte, konnte ich mir daher nur im Geiste vorstellen, so lebendig, wie es mir möglich war. Danach versuchte ich, die Gefühle, die diese Szenen in mir weckten, in Musik umzusetzen.“ Die sechs Einzelsätze kommentierte er wie folgt:

„So stellte ich mir im Bild der Palmzweige („Image des Rameaux“) eine lärmende Menschenmenge vor, die dem Einzug des Herrn in Jerusalem entgegeneilt, ihn umringt und bejubelt; ich spürte auch die Gegenwart Christi, dessen höheres Bewusstsein sich über diesen Tumult erhebt und weiß, wie menschlich und zerbrechlich diese momentane Herrlichkeit ist, und ich vertraute der Solovioline den Ausdruck dafür an. Im Bild der Hohen Kammer („Image de la Chambre haute“) sehen wir, wie Christus sich von seinen Jüngern verabschiedet, sehen die verzweifelten Fragen, die sie ihm stellen, und seine liebevollen Antworten. Das Bild des Judas („Image de Juda“) zeigt einen Menschen voller Angst, der im Herzen gequält wird; es ist vor allem das Bild einer Seele, die von einer Besessenheit ergriffen wird und schließlich in Verzweiflung zusammenbricht. Das Bild von Gethsemane („Image de Géthsémané“) zeigt die Angst vor der Einsamkeit, das intensive Gebet „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen“ und schließlich die totale Akzeptanz: „Dein Wille geschehe“. Das Bild der Verurteilung („Image du Jugement“) zeigt das volle Entsetzen der von allen Hemmungen befreiten Menge, ihre sadistische Freude an der Betrachtung des Leidens; und somit ist es der Weg des Kreuzes. Als ich an diesem Punkt angelangt war, hatte ich das Gefühl, dass es kein anderes Ende als das Bild der Verherrlichung geben konnte.“

Mit einer Bearbeitung des Kyrie aus Guillaume de Machauts „Messe de Nostre-Dame“ stellt Patricia Kopatchinskaja dem Polyptychon ein Werk aus der Entstehungszeit des Artalbildes voran; zwischen den Sätzen erklingen Bach-Choräle, deren Texte auf diese Szenen Bezug nehmen. Die Kreuzigung, die Frank Martin nur indirekt thematisiert, kommt in Form eines weiteren eingeschobenen Werkes zum Ausdruck: Luboš Fišers „Crux“ für Violine, Pauken und Glocken ist ein intensiver Aufschrei, dem Pauken und am Ende Glocken eine rituelle Strenge verleihen. Danach kann Frank Martins inwendig leuchtende Verherrlichung der Auferstehung Christi, der letzte Satz des „Polyptyque“, um so heller strahlen.

Zum Abschluss dieses Konzert-Gesamtkunstwerks versammeln sich Künstler und Publikum, um gemeinsam Bachs Choral „O große Lieb’, o Lieb’ ohn’ alle Maße“ aus der Johannespassion anzustimmen. Musik des Trostes und der Hoffnung, die bleibt.

Dr. Juan Martin Koch (c) Kulturwald gGmbH 2025