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11.05.26

Philippe Herreweghe & Collegium Vocale Gent

Montag, 11. Mai 2026, 19 Uhr
Dienstag, 12. Mai 2026 , 19 Uhr

Die Paradiesleiter – Ferrara und Mantua um 1590

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Konzertdauer: ca. 80 min, keine Pause 
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Collegium Vocale Gent:
Miriam Allan – Sopran
Barbora Kabátková – Sopran
Martha MacLorinan – Alt
Benedict Hymas – Tenor
Samuel Boden – Tenor
Jimmy Holliday – Bass

Marie Rouquié – Violine
Ageet Zweistra – Violoncello
Lambert Colson –  Zink
Charlotte Van Passen – Posaune
Jonas Nordberg – Chitarrone
Lorenzo Feder – Cembalo & Orgel

Philippe Herreweghe – Leitung


I. Ermahnung der Seele

Ludovico Agostini (15341590)
Svegliati homai

Cipriano De Rore (15161565)/
Giovanni Battista Bovicelli (ca. 1550nach 1594)

Angelus ad pastores (instr.)

Ludovico Agostini
Ecco il Sol

II. Meditationen über die Kreuzigung

Scipione Stella (ca. 1558-1622)
Canzon breve seconda (instr.)

Cipriano De Rore 
Hor che’l ciel e la terra é ‘l vento tace

Ludovico Agostini
Hor che’l ciel e la terra é ‘l vento langue

Giovanni De Macque (1548/501614) 

Capriccio sopra Re Fa Mi Sol (instr.)

Ludovico Agostini
La morte è morta/La vita è breve

III. Beichte

Ludovico Agostini 

Fantasia da sonar con gli istromenti (instr)
Signor la pena

Alessandro Striggio (ca. 15361592)/
Girolamo Dalla Casa 

Nasce la pena mia (instr.)

Carlo Gesualdo (1566–1613)
Peccantem me quotidie

IV. Reue und Fürbitte


Fabritio Fillimarino (fl. 1594) 

Canzon Cromatica (instr.)

Cipriano De Rore 
Padre del ciel dopo i perduti giorni

Scipione Stella

Partite Sopra la Romanesca (instr.)

Ludovico Agostini
Padre del ciel
Nel Sole e ne la Luna

V. Eucharistie, ewiges Leben verleihend

Girolamo Frescobaldi (1583–1643) 
Toccata chromatica per l’elevazione (instr.)

Ludovico Agostini 
L’anima mia Signore
Chi non sete

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Der Titel „Paradiesleiter“ erinnert an die mystische Reise der Seele, die zum Göttlichen aufsteigt. Dieses Programm zeichnet anhand von Madrigalen und Instrumentalwerken von Lodovico Agostini (1534–1590) und Zeitgenossen wie Cipriano de Rore, Giovanni de Macque, Carlo Gesualdo und Girolamo Frescobaldi fünf Stufen nach: Erwachen, Meditation, Beichte, Buße und Vereinigung mit Gott.

Trotz politischer Spannungen löste die Hochzeit von Margherita Gonzaga mit Herzog Alfonso d’Este II. im Jahr 1579 einen fruchtbaren Austausch musikalischer Ideen zwischen Ferrara und Mantua aus. Ferraras „musica secreta“ führte zu innovativen Experimenten in vokaler Virtuosität und kontrapunktischem Ausdruck, während der zukünftige Herzog von Mantua, Vincenzo Gonzaga, späterer Förderer Monteverdis, einen Großteil seiner Jugend dort verbrachte und eine Vorliebe für die raffinierte Madrigalaufführung entwickelte, die sein eigenes „Concerto delle donne“ inspirieren sollte. Im Jahr 1586, weniger als ein Jahr vor seinem Tod, erhielt Herzog Guglielmo Gonzaga Agostinis „Le lagrime del peccatore a sei voci“, das ihm in Dankbarkeit gewidmet war, nachdem der Herzog einige seiner eigenen Kompositionen geteilt hatte. Die Texte, verfasst von verschiedenen Dichtern, sind zutiefst persönlich und meditieren über menschliche Verfehlungen, Reue und die Gewissheit göttlicher Barmherzigkeit, wobei der Fokus eher auf Guglielmo als Mensch als auf dem Herrscher liegt. In seiner Andachtsabsicht und expressiven Tiefe erinnert der Zyklus an Orlando di Lassos „Lagrime di San Pietro“, in dem intime Reflexion und Reue im Mittelpunkt stehen.

Das Erwachen der Seele beginnt mit Agostinis „Svegliati homai“, das den Zuhörer mit plötzlichen Dissonanzen und Pausen erschüttert und den Geist zur Wachsamkeit aufruft. De Rores „Angelus ad pastores“, bearbeitet von Giovanni Battista Bovicelli, schafft ein Gleichgewicht zwischen virtuoser Koloratur und gelassener Andacht, während Agostinis „Ecco il Sol“ die Seele in strahlendes Licht taucht und Christus als spirituelle Erleuchtung symbolisiert. Die Musikwissenschaftlerin Laurie Stras betont, wie Agostinis Madrigale oft auf subtile Imitationen und motivische Anklänge setzen und so einen Raum der Besinnung für den Zuhörer schaffen: Musikalische Motive wiederholen sich und wandeln sich, als Spiegelbild der Selbstbefragung der Seele.

Es folgt eine Meditation über das Leiden. Agostinis „Hor che’l ciel e la terra“ baut auf kontrapunktischen Techniken auf, die für Cipriano de Rore (1516–1565), einen führenden flämischen Komponisten in Ferrara, charakteristisch sind, und verstärkt Chromatik und Suspensionen, um die Dramatik des spirituellen Konflikts zu steigern. „Capriccio sopra Re Fa Mi Sol“ von Giovanni de Macques, einem in Neapel tätigen flämischen Komponisten, liefert ein chromatisches Instrumentalzwischenspiel, während Agostinis „La morte è morta / La vita è breve“ das Paradoxon der Erlösung zum Ausdruck bringt: Durch den Tod Christi wird der Tod selbst überwunden. Stras merkt an, dass Agostinis Werke häufig zum Nachdenken anregen, nicht nur über musikalische Vorläufer, sondern auch über den tieferen spirituellen Gehalt, wobei jede melodische oder harmonische Geste mit der emotionalen und devotionalen Bedeutung des Textes verknüpft ist.

Bekenntnis und Selbstreflexion prägen den dritten Abschnitt. Agostinis „Fantasia da sonar con gli istromenti“ und „Signor la pena“ zeichnen sich durch rhetorische Klarheit und emotionale Unmittelbarkeit aus, während Carlo Gesualdo (1566–1613), Prinz von Venosa, in seiner Motette „Peccantem me quotidie“ chromatische Spannungen und abrupte Intervalle einsetzt, um das akute Schuldgefühl der Seele und ihr Bedürfnis nach göttlicher Barmherzigkeit darzustellen. Stras hebt Agostinis Verwendung der Ich-Erzählung als Mittel der verinnerlichten Meditation hervor, wobei die musikalische Form den Akt der persönlichen Kontemplation widerspiegelt.

In Buße und Flehen ist De Rores „Padre del ciel dopo i perduti giorni“ ein Musterbeispiel für transparente Polyphonie, wobei imitierende Einsätze die Trauer artikulieren und Dissonanzen die Hoffnung auf Vergebung unterstreichen. Agostinis „Padre del ciel“ und „Nel Sole e ne la Luna“, durchsetzt mit Instrumentalpassagen, schildern, wie sich die Seele allmählich auf Gottes Gegenwart einstimmt und die Läuterung vollendet. Stras betont, dass diese Werke kontrapunktische Strenge mit affektiver Subtilität in Einklang bringen und so den intimen Andachtsrahmen widerspiegeln, für den sie komponiert wurden – die private Kapelle des Herzogs Guglielmo.

Die Reise gipfelt in der Eucharistie und der Gewährung des ewigen Lebens. Frescobaldis „Toccata chromatica per l’elevazione“ ruft zur Elevation der Hostie ein Gefühl mystischer Schwebe hervor, während Agostinis letzte Madrigale, „L’anima mia Signore“ und „Chi non sete“, heitere Konsonanzen mit zarten chromatischen Wendungen verbinden und so die Vision der Vereinigung der Seele mit dem Göttlichen einfangen. Die weitläufige Vokalmusik lässt persönliche Hingabe zum Vorschein kommen und spiegelt Tansillos intime Texte wider. Stras merkt an, dass diese abschließenden Madrigale Agostinis spirituellen Madrigalstil verkörpern: Musikalische Imitation, harmonische Feinheit und Textmalerei verschmelzen zu einem intensiven meditativen Erlebnis.

Agostinis Madrigale sind, zusammen mit Werken von Rore, Gesualdo und De Macque, mehr als nur Kompositionen; sie sind Gebete in Klang. Subtile Imitation, chromatische Ausdruckskraft und zutiefst persönliche Texte führen den Zuhörer auf einer spirituellen Reise – vom Erwachen über die Läuterung und Erleuchtung bis hin zur endgültigen Vereinigung mit Gott – und bieten einen meditativen Aufstieg, eine wahre „Leiter zum Paradies“.

© Collegium Vocale Gent/Jens van Durme – nach Laurie Stras
© für die deutsche Übersetzung: Kulturwald gGmbH 2026

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Übersetzungen der gesungenen Texte:

Svegliati omai (Agostini)
Erwache endlich aus diesem langen und bitteren Schlaf, 
der dich, törichte Seele, fast lebendig im menschlichen Elend begraben hätte,
und lass Hoffnung und Sehnsucht deine Schritte stärken.
Erhebe deine Augen zu Gottes großer Herrlichkeit,
denn er wird diesen dichten und düsteren Nebel vertreiben,
in den du so lange gehüllt warst;
dieser gnädige und barmherzige Herr, er wird ihn vertreiben.

Verschließe deine Ohren vor dem süßen und verführerischen Gesang 
dieser falschen und gottlosen Sirenen,
den Freuden dieser Welt, die leider zu mächtig sind.
Richte deine Gedanken, deine heiligen Sehnsüchte, wie Pfeile auf das höchste Gut;
begnüge dich nicht länger mit vergänglichen Freuden.

Ecco il sol novo strugge la neve (Agostini)
Siehe, die neue Sonne lässt den Schnee schmelzen;
Siehe, sie tritt hervor,
Und umschließt das neue Jahr in welkenden Blumen.
Die Zeit eilt dahin mit dem Geist,
Und du verweilst noch in deinem Frost,
Der jeden guten Samen, jede schöne Frucht sammelt.
Schlafbeladen bleibst du, elend, während der Himmel heiter ist,
Und die Strahlen der wahren Sonne
Sich nicht mehr mit vergänglichen Blumen schmücken.

Hor che’l ciel e la terra (Rore)
Nun, da Himmel und Erde und der Wind schweigen
und die wilden Tiere und die Vögel im Schlaf ruhen,
lenkt die Nacht ihren sternenbesetzten Wagen auf seiner Bahn,
und das Meer liegt ohne eine Welle in seinem Bett,
schaue ich, denke ich, brenne ich, weine ich; und sie, die mich vernichtet,
steht mir zu meinem süßen Leid stets vor Augen:
Krieg ist mein Zustand, erfüllt von Trauer und Zorn,
und nur wenn ich an sie denke, finde ich Frieden.

So fließen aus einer einzigen Quelle des reinen Lebens
das Süße und das Bittere, das ich trinke:
Eine einzige Hand heilt mich und durchbohrt mich:
Und damit meine Prüfung keinen Hafen findet,
werde ich tausendmal am Tag geboren und sterbe,
so fern bin ich von meinem Heil.

Hor che’l ciel e la terra e’il vento langue (Agostini)
Nun, da Himmel und Erde und Wind trauern
und die Luft dunkel und düster ist,
da unser würdiger Schöpfer, blutüberströmt,
am grausamen und gnadenlosen Kreuz hängt,
ist es nur recht und billig, dass auch ich,
wenn ich dieses schöne Fleisch, makellos und rein, todbleich sehe,
in Schmerz und solcher Qual allein durch meine Schuld,
tiefe Seufzer ausstoße und mich in Tränen verliere.

La morte è morte (Agostini)
Der Tod wird besiegt durch den Tod
dessen, der meinem Tod das Leben schenkte;
denn solange das Leben mich am Leben hält,
muss ich um seinen Tod trauern.
Dem Tod fügte er den Tod zu;
der Tod starb, um unser sterbliches Leben ewig zu machen;
meinem Leben schenkte Jesus das wahre Leben
und verurteilte so den Tod zum ewigen Tod.

Das Leben ist kurz, und es kann nicht lange dauern, bis der Tod
meinem toten Leben den Tod bringt; möge mir dies
von Christus gewährt werden, der das Leben des Lebens ist.
Und ich, der ich mich nur nach dem Leben des Lebens sehne,
dessen Tod ich betraure, werde den Tod anflehen,
mir das sterbliche Leben zu schenken und den Tod, der zum ewigen Leben führt.

Signor la pena del mio grave errore (Agostini)
Herr, vor der Strafe für meinen schweren Fehler
fliehe ich nicht, sondern erwarte sie in diesem irdischen Leben,
denn im Jenseits fürchtet mein Herz zitternd
die schreckliche Wirkung, ach, Deines verzehrenden Zorns.
So lass mich denn von der Geißel Deiner heiligsten Liebe
getroffen werden, da ich mein Leben bessern will:
Wie süß ist der Schmerz dieses vergänglichen irdischen Schleiers,
damit meine Seele endlich im Himmel aufgenommen werde.

Peccantem me quotidie (Gesualdo)
Da ich täglich sündigte
und nicht Buße tat,
quälte mich die Angst vor dem Tod:
Denn in der Hölle
gibt es keine Erlösung,
erbarme dich meiner, o Gott,
und rette mich.

Padre del ciel (Rore)
Himmlischer Vater, nach den verlorenen Tagen,
nach den Nächten, die ich wandernd verbrachte,
mit jenem glühenden Verlangen, das in meinem Herzen brannte,
den Gliedern blickend, die geschmückt waren, um mir zu schaden,
möge es Dir nun gefallen, dass ich mich durch Dein Licht
dem größeren Leben und dem süßeren Werk zuwende,
damit mein harter Widersacher, der
seine Netze vergeblich ausgeworfen hat, in Verruf gerate.

Nun, mein Herr, vergehen elf Jahre,
seit ich unter jenem gnadenlosen Joch gebeugt war,
das für diejenigen, die ihm am meisten unterworfen sind, am grausamsten ist.
Erbarme dich meines unwürdigen Leidens:
führe meine umherirrenden Gedanken an einen besseren Ort zurück:
erinnere sie daran, wie du heute am Kreuz hingst.

Padre del ciel poi ch’io m’aveggio e piango (Agostini)
Vater im Himmel, da ich erkenne und weine,
Dass ich mich viel zu lange von Deinem Reich entfernt habe,
Nimm die Tränen an, mit denen ich heute
Deine heiligen Füße salbe, um meine Hartherzigkeit zu besänftigen.
Lass nicht zu, dass mich inmitten der Dornen und des Schlamms
Des Sumpfes, in dem ich versinke und mich steche,
Schatten erreichen – ach, wie lange, wie schrecklich! –
Dieser Irrtum von mir, doch ich verweile in seinem Stich.

Wenn ich hier keine Spur meiner Schritte finde,
Die Deinen Weg prägen, so rau, so wild,
Bin ich nun, zu dieser Stunde, jenseits der dritten,
Verloren in der Weite des Tages, wandernd, verbannt.
Bevor ich mich noch weiter verirre,
Führe mich zurück auf den rechten Weg,
Mit Deinem Strahl, o Herr, nicht mit der Rute des Willens.

Nel sole e ne la luna (Agostini)
In Sonne, Mond und leuchtenden Sternen
Wird der Herr auf Erden wundersame Zeichen zeigen;
Durch tosende Wellen, durch Stürme, die heftig wüten,
Werden sie die Welt erreichen und diese Botschaft weit tragen.
Zitternd werden die Armen und Geringen fliehen,
Um sich vor den schrecklichen Tiefen zu retten;
Inmitten des Donners, inmitten der feurigen Flammen,
Erscheint der gerechte Gott, die Gottlosen verbrennt und bestraft Er.

Nun gibt es weder im Himmel noch im Meer noch auf Erden
Einen sicheren Ort – ach! – für uns blinde Sterbliche?
Herr, rüste uns rechtzeitig gegen den grausamen Krieg,
Damit wir so vielen Übeln standhalten und die mächtige Wut besiegen können.

L’anima mia Signore (Agostini)
Meine Seele, o Herr,
einst ein Geschöpf, das deiner Hand so würdig war,
(wer würde das glauben?) ist nun unwürdig,
dich, ihren Schöpfer, zu empfangen.
Ach, wenn du zu Recht
den Gestank dieses leiblichen Gefäßes verabscheust,
so rette wenigstens dein eigenes Ebenbild,
das darin schmachtet.
Sprich nur deine Worte: „Sei geheilt!“,
und meine Seele wird geheilt sein.

Chi non sete mortal berà queste acque (Agostini)
Wer nicht sterblich ist, soll von diesen klaren Strömen trinken;
Und wenn er andere Gewässer kostet, wird der Durst wieder erwachen.
Doch wer diese verlässt und von den Gewässern trinkt,
Von denen ich sprechen werde – den Gewässern, die ich geben werde –,
In ihm wird eine lebendige Quelle entspringen,
Um jeden Durst zu stillen; und aus ihrem Fließen erhebt er sich
Zu jenem Leben, in dem es keinen Tod gibt, sondern nur ewiges Leben. 

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Collegium Vocale Gent

Das Collegium Vocale Gent wurde 1970 auf Initiative von Philippe Herreweghe gegründet. Das Ensemble gehörte zu den ersten, die neue Ideen zur barocken Aufführungspraxis in der Vokalmusik umsetzten. Sein authentischer, textorientierter und rhetorischer Ansatz verlieh dem Ensemble jenen transparenten Klang, mit dem es weltweiten Ruhm erlangte und an den bedeutendsten Konzertorten und Musikfestivals in Europa, den Vereinigten Staaten, Russland, Südamerika, Japan, Hongkong und Australien auftrat.Seit 2017 veranstaltet das Ensemble sein eigenes Sommerfestival, das Collegium Vocale Crete Senesi, in der Toskana, Italien.

In den letzten Jahren hat sich das Collegium Vocale Gent organisch zu einem äußerst flexiblen Ensemble entwickelt, dessen breites Repertoire eine Vielzahl unterschiedlicher Stilrichtungen umfasst. Seine größte Stärke ist die Fähigkeit, für jedes Projekt die ideale Besetzung zusammenzustellen. Musik aus der Renaissance wird beispielsweise von einer kleinen Gruppe von Solisten aufgeführt. Deutsche Barockmusik, insbesondere die Vokalwerke von J. S. Bach, ist seit jeher eine Spezialität des Ensembles und gilt nach wie vor als sein Aushängeschild. Das Collegium Vocale Gent hat sich zudem auf das romantische, moderne und zeitgenössische Oratorienrepertoire spezialisiert, das mit einem symphonischen Chor von bis zu 80 Sängern aufgeführt wird.

Neben Auftritten mit seinem eigenen Barockorchester arbeitet das Collegium Vocale Gent bei der Umsetzung dieser Projekte mit verschiedenen historisch informierten Instrumentalensembles zusammen, darunter das Orchestre des Champs-Élysées, das Freiburger Barockorchester und die Akademie für Alte Musik Berlin. Es kooperiert zudem mit renommierten Sinfonieorchestern wie dem Antwerpener Sinfonieorchester, dem Königlichen Concertgebouw Orchester Amsterdam, dem Budapester Festival Orchestra, der Staatskapelle Dresden oder dem Chamber Orchestra of Europe. Neben Philippe Herreweghe arbeitet das Ensemble mit zahlreichen anderen führenden Dirigenten zusammen. In den kommenden Spielzeiten sind Projekte unter anderem mit Benjamin Bayl, Francesco Corti, Pablo Heras-Cesado, Iván Fischer, Barbora Kabatková, Kaspars Putnins und James Wood geplant.

Unter der Leitung von Philippe Herreweghe hat das Collegium Vocale Gent eine beeindruckende Diskografie mit mehr als 100 Aufnahmen aufgebaut, die meisten davon bei den Labels Harmonia Mundi France und Virgin Classics. Im Jahr 2010 gründete Philippe Herreweghe gemeinsam mit Outhere Music sein eigenes Label φ (phi), um sich die volle künstlerische Freiheit zu sichern und einen reichhaltigen und vielfältigen Katalog aufzubauen. Mittlerweile sind rund 25 Aufnahmen mit Vokalwerken von Bach, Byrd, Beethoven, Brahms, Dvořák, Gesualdo, Haydn und Victoria erhältlich. Zu den jüngsten Veröffentlichungen zählen „Anima dolorosa“, das Vierte Madrigalbuch von Claudio Monteverdi (LPH37), Beethovens Oratorium „Christus am Ölberge“ (LPH039), „Herz und Mund und Tat und Leben“, Kantaten von J. S. Bach (LPH041); sowie eine Aufnahme von „Einstein on the Beach“, der ikonischen Oper von Philip Glass, in Zusammenarbeit mit Ictus (VLEK42).

Das Collegium Vocale Gent wird finanziell von der Flämischen Gemeinschaft, der Stadt Gent und der Belgischen Nationallotterie unterstützt. 

Philippe Herreweghe

Philippe Herreweghe wurde in Gent geboren und studierte dort sowohl an der Universität als auch am Musikkonservatorium, wo er bei Marcel Gazelle Klavierunterricht nahm. In dieser Zeit begann er zu dirigieren und gründete 1970 das Collegium Vocale Gent. Er wurde von Nikolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt, die auf seine innovative Arbeit aufmerksam geworden waren, eingeladen, an deren Aufnahmen der gesamten Kantaten von J. S. Bach mitzuwirken.

Herreweghes energischer, authentischer und rhetorischer Ansatz in der Barockmusik fand bald große Anerkennung. 1977 gründete er in Paris das Ensemble La Chapelle Royale, mit dem er Musik des französischen Goldenen Zeitalters aufführte. Von 1982 bis 2002 war er künstlerischer Leiter der Académies Musicales de Saintes. In dieser Zeit gründete er mehrere Ensembles, mit denen er historisch fundierte und durchdachte Interpretationen eines Repertoires von der Renaissance bis zur zeitgenössischen Musik realisierte. Dazu gehören das auf Renaissance-Polyphonie spezialisierte Ensemble Vocal Européen und das 1991 gegründete Orchestre des Champs Élysées, dessen Ziel es ist, vorromantisches und romantisches Repertoire auf Originalinstrumenten zu spielen. Seit 2009 arbeiten Philippe Herreweghe und das Collegium Vocale Gent aktiv am Aufbau eines großen symphonischen Chores auf europäischer Ebene. Seit 2001 ist Philippe Herreweghe künstlerischer Leiter der Accademia delle Crete Senesi, die seit 2017 als Festival Collegium Vocale Crete Senesi in der Toskana, Italien, bekannt ist.

Philippe Herreweghe stellt sich stets neuen musikalischen Herausforderungen und ist sehr aktiv in der Aufführung des großen symphonischen Repertoires, von Beethoven bis Strawinsky. Seit 1997 ist er dem Antwerpener Symphonieorchester (deFilharmonie) sowohl als Chefdirigent als auch als Gastdirigent verbunden. Er ist zudem ein gefragter Gastdirigent bei Orchestern wie dem Amsterdamer Concertgebouw-Orchester, dem Gewandhausorchester Leipzig, der Staatskapelle Dresden und dem Cleveland Orchestra, mit denen er bereits mehrfach zusammengearbeitet hat. In den kommenden Spielzeiten wird er unter anderem das HR-Sinfonieorchester Frankfurt, das Montreal Symphony Orchestra und das Orchestra of St. Luke’s dirigieren.

Im Laufe der Jahre hat Philippe Herreweghe eine umfangreiche Diskografie mit mehr als 135 Aufnahmen mit all diesen verschiedenen Ensembles aufgebaut, unter anderem bei Labels wie Harmonia Mundi France, Virgin Classics und Pentatone. Zu den Höhepunkten zählen die „Lagrime di San Pietro“ von Lassus, Bachs Matthäus-Passion, die gesamten Sinfonien von Beethoven und Schumann, Mahlers Liederzyklus „Des Knaben Wunderhorn“, Bruckners Sinfonie Nr. 5, Schönbergs „Pierrot Lunaire“ und Strawinskys „Sinfonie der Psalmen“. Im Jahr 2010 gründete er gemeinsam mit Outhere Music sein eigenes Label φ (PHI). Seitdem sind über 30 neue Aufnahmen mit Werken von William Byrd bis Igor Strawinsky erschienen. Zu den jüngsten Aufnahmen zählen Beethovens Oratorium „Christus am Ölberge“ (LPH 039), Robert Schumanns Erste und Dritte Symphonie (LPH 040) sowie „Herz und Mund und Tat und Leben“, ein neuer Kantatenband von J. S. Bach (LPH 041).

Philippe Herreweghe wurde für seine beständige künstlerische Kreativität und sein Engagement mit zahlreichen europäischen Auszeichnungen geehrt. 1990 ernannte ihn die europäische Musikpresse zur „Musikalischen Persönlichkeit des Jahres“. Herreweghe und das Collegium Vocale Gent wurden 1993 zu „Kulturbotschaftern Flanderns“ ernannt. Ein Jahr später wurde ihm der belgische Orden „Officier des Arts et Lettres“ verliehen, und 1997 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Katholischen Universität Leuven. Im Jahr 2003 wurde ihm der französische Titel „Chevalier de la Légion d’Honneur“ verliehen. Schließlich verlieh ihm die Stadt Leipzig 2010 die Bach-Medaille für seine großen Verdienste als Bach-Interpret. 2017 wird Philippe Herreweghe die Ehrendoktorwürde der Universität Gent erhalten. 2021 wurde Philippe Herreweghe mit dem Ultima ausgezeichnet, einem von der flämischen Regierung verliehenen Preis für das kulturelle Lebenswerk.