23.11.25
Pianorecital Claire Huangci
Sonntag, 23. November 2025, 16 Uhr
Carl Czerny (1791–1857)
Fantaisie brillante sur divers motifs de ‚Le nozze di Figaro‘ op. 493
Maurice Ravel (1875–1937)
Sonatine
I. Modéré
II. Mouvement de menuet
III. Animé
Jeux d’eau
Pavane pour une infante défunte
La Valse
------------------
PAUSE
------------------
Aram Chatschaturjan (1903–1978)
Arr. Emil Chatschaturjan
Adagio aus „Spartacus“
(Pas de deux Spartacus und Phrygia)
Modest Mussorgski (1839–1881)
Bilder einer Ausstellung. Erinnerung an Viktor Hartmann
Promenade
Der Gnom
Promenade
Das alte Schloss
Promenade
Die Tuilerien (Streit der Kinder nach dem Spiel)
Bydło (Der Ochsenkarren)
Promenade
Ballett der Küken in ihren Eierschalen
Samuel Goldenberg und Schmuyle
Promenade
Der Marktplatz von Limoges (Die große Neuigkeit)
Katakomben (Römische Gruft)
Cum mortuis in lingua mortua (Mit den Toten in einer toten Sprache)
Die Hütte der Baba-Yaga
Das große Tor von Kiew
------------------
Wer mit dem Namen Carl Czerny nur den Beethoven-Schüler und quälende Etüden verbindet, tut dem Klavierpädagogen und Komponisten unrecht. Wie er in seinen zahllosen Veröffentlichungen mit geradezu enzyklopädischer Gründlichkeit alle Aspekte des Klavierspiels vom Fingersatz bis zum Auftritt durchdrang, war bahnbrechend. Sein Buch über „den richtigen Vortrag“ der Klavierwerke Beethovens vermittelte künftigen Generationen weit über Metronomangaben hinaus dessen ästhetische und interpretatorische Vorstellungen. Was für ein gewitzter Komponist er sein konnte, zeigt seine köstliche Fantaisie brillante sur divers motifs de „Le nozze di Figaro“. Das Gerüst seines geistreichen Gangs durch Mozarts Oper bildet die Figaro-Arie „Non più andrai“, die er zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Stücks virtuos ausspinnt. Desweiteren treten auf: Cherubino („Voi che sapete“ und „Non so più“), Gräfin und Susanna (Briefduett „Sull’aria …che soave zefiretto“) sowie – Fandango tanzend – Graf Almaviva.
Maurice Ravel, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, war wohl der Komponist an der Schwelle zur Moderne, der atmosphärische Klang-Suggestion, strukturelle Klarheit und melodisches Genie am fesselndsten zu verbinden vermochte. In seinen 1900 komponierten „Jeux d’eau“ stehen die Wasserspiele bildlich vor unseren Augen, Anklänge an Franz Liszts „Les jeux d’eaux à la Villa d’Este“ schlagen den Bogen zurück in die Klavierromantik. Klassizistisch gibt sich die 1905 vollendete, dreisätzige Sonatine, die sich in der harmonischen Welt des ein Jahr zuvor uraufgeführten Streichquartetts bewegt. Der eher ruhige Menuett-Mittelsatz überrascht gegen Ende mit einem berührenden emotionalen Aufschwung, das anschließende „Animé“ greift den Bewegungsimpuls des ersten Satzes in virtuos beschleunigter Form wieder auf. In Ravels schmalem Œuvre gibt es viele Stücke, die sowohl in einer (zumeist früheren) Klavierfassung als auch in orchestrierter Form vorliegen. So kommt es, dass wir auch beim reinen Klavierklang den hypnotischen Farbenreichtum seines Orchesters gleichsam mithören. Die berühmte „Pavane pour une infante défunte“ (für Klavier 1899, für Orchester 1910) ist ein solcher Fall. Genaueren programmatischen Zuschreibungen wich Ravel in seiner typisch distanzierten Art aus: Es sei ihm gar nicht um das Charakterbild einer verstorbenen Infantin gegangen, sondern lediglich um den Wortklang des Titels. Die tiefsinnige Melancholie des getragenen Schreittanzes scheint eine andere Sprache zu sprechen. Der umgekehrte Fall liegt bei „La Valse“ vor. Das vom Ballett-Impresario Sergei Djagilew in Auftrag gegebene, dann aber von ihm abgelehnte „choreografische Gedicht“ von 1920 setzte sich als reines Orchesterstück durch. Die gleichzeitig entstandene Klavierfassung des zunehmend einem Abgrund entgegentaumelnden Walzers ist pianistisch extrem anspruchsvoll. Die Unmöglichkeit jedes Detail des raffinert dichten Orchestersatzes mit zwei Händen wiederzugeben ist ihr auf packende Weise eingeschrieben.
Neben dem Säbeltanz aus „Gayaneh“ ist das Adagio aus seinem dritten großen sowjetischen Ballett „Spartacus“ Aram Chatschaturjans bekanntestes Stück. Der schwärmerische Pas de deux des Anführers des antiken Sklavenaufstandes und seiner Frau Phrygia bildet eine der lyrischen Atempausen im dritten Akt der über weite Strecken martialisch-rhythmisch vorwärtsdrängenden Partitur. Die einfühlsame Klavierfassung, die Claire Huangci in Blaibach spielt, stammt von Emil Chatschaturjan, dem Neffen des Komponisten.
Ein Hauch von Ravel schwingt auch mit, wenn wir die ursprüngliche Klavierfassung von Modest Mussorgskis Zyklus „Bilder einer Ausstellung“ hören, so sehr hat sich die geniale Orchestrierung Ravels ins kollektive Hörgedächtnis eingeschrieben. Der innere Drang, der überbordende Einfallsreichtum und die radikale Originalität Mussorgskis wird aber vor allem im Original spürbar. Wie in einem Rausch, innerhalb weniger Wochen schrieb der Komponist das Werk im Juni 1874 unter dem Eindruck des Todes seines Freundes, des Architekten, Designers und Malers Viktor Hartmann. „Klänge und Gedanken hängen in der Luft. Ich schlucke sie und esse mich voll daran, kaum schaffe ich es, alles aufs Papier zu kritzeln,“ so Mussorgski in einem Brief während der Arbeit. Sein Zyklus lässt die Eindrücke zu Klang werden, welche die Ausstellung in ihm auslöste, die vier Monate zuvor zum Gedenken an Hartmann organisiert worden war. Sich selbst schrieb der Komponist dabei in Form der „Promenaden“ in das Werk ein: eine wiederkehrende, aber unter dem Eindruck der Bilder sich immer wieder verändernde Melodie, die in der eigenwilligen Intervallstruktur und Rhythmik an russische Volksmusik angelehnt und doch ganz eigen ist. Die Bildfolge wechselt zwischen rascheren und langsameren Nummern, zwischen grotesken („Der Gnom“), humoristischen („Ballett der Küken in ihren Eierschalen“) und naturalistischen Charakterstücken („Bydlo“, ein von Ochsen gezogener, allmählich herannahender Karren; „Samuel Goldenberg und Schmuyle“, ein reicher und ein armer Jude im Gespräch). Ab der Mitte findet eine Verdichtung statt, denn mit dem nahtlosen Übergang vom tumultuösen „Limoges“ (auf dem Marktplatz macht eine Neuigkeit wortreich die Runde) in die „Katakomben“ und ihre unerhörten, abgründigen Akkorde verschwinden die „Promenaden“ als eigenständige Zwischenspiele. Der Betrachter und „Promeneur“ Mussorgski taucht in die Bilder ein, wird von ihnen absorbiert, spricht „mit den Toten in einer toten Sprache“ und gibt sich nach dem aberwitzigen Flug der Hexe Baba-Yaga im „großen Tor von Kiew“ noch einmal grandios zu Erkennen.
Dr. Juan Martin Koch (c) Kulturwald gGmbH 2025
------------------
Claire Huangci
„Meisterhaft interpretiert“ – „Claire Huangci begeistert mit technischer Brillanz und stilistischer Sicherheit.“
Die
amerikanische Pianistin Claire Huangci erlangte internationale
Bekanntheit durch den Gewinn des ersten Preises sowie des Mozartpreises
beim Concours Géza Anda 2018 und Auszeichnungen bei anderen bedeutenden
Wettbewerben, darunter Chopin-Wettbewerbe in Europa und den USA, dem
ARD-Musikwettbewerb und dem Grand Prix der Orchestre Chambre de Paris
Play-Direct Academy.
Ihr Spiel überzeugt durch souveräne und
aufgeweckte Interpretationen, atemberaubende Virtuosität, sowie durch
eine intelligente und durchdachte Klanggestaltung. Von einem unbändigen
Entdeckergeist beseelt, beweist sie ihre Wandlungsfähigkeit mit einem
ungewöhnlich breiten Repertoire von Bach und Scarlatti über die deutsche
und russische Romantik bis hin zu Bernstein, Barber und Florence Price.
Seit
der Saison 24/25 arbeitet Claire Huangci zusammen mit Alpha Classics.
Einer hochgelobten Aufnahme mit dem Mozarteumorchester Salzburg und
Klavierkonzerten von Mozart, folgte die Veröffentlichung ihres
Soloalbums Made in USA mit Werken der amerikanischen Komponisten
Gershwin, Beach, Barber und Wild. Für 2026 ist ein weiteres Rezitalalbum
mit einem Fokus auf deutsche und amerikanische Komponistinnen geplant.
Als
Auftakt einer Reihe internationaler Orchesterengagements wird Claire in
25/26 neben Debüts mit den Symphonieorchestern in u.a. Baltimore und
Heidelberg auch in Saarbrücken, Bratislava, Graz und Eugene zu Gast sein
Ein Highlight bildet außerdem der Auftritt beim Abschlusskonzert des
Carinthischen Sommers mit Gershwins Klavierkonzert in F zusammen mit dem
ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung von Marin Alsop.
Clare
Huangci ist inzwischen vermehrt mit diversem Repertoire vom Klavier aus
leitend zu erleben, so auch vergangene Saison mit dem Recreation
Orchester der Styriate Graz und den Klavierkonzerten von Clara und
Robert Schumann.
In Solorezitalen und als Partnerin
internationaler Orchester konzertierte Claire Huangci bereits in
bedeutenden Konzertsälen wie der Carnegie Hall New York, der Suntory
Hall Tokio, der Philharmonie de Paris, der Alten Oper Frankfurt, dem
Konzerthaus Dortmund, dem Prinzregententheater München, der
Elbphilharmonie Hamburg, der Philharmonie Berlin, dem Wiener Konzerthaus
und dem Festspielhaus Salzburg. Sie ist gern gesehener Gast bei
renommierten Festivals wie dem Lucerne Festival, dem Rheingau Musik
Festival oder dem Klavierfestival Ruhr. Zu ihren geschätzten
musikalischen Partnern zählen das Tonhalle-Orchester Zürich, das
Musikkollegium Winterthur, das Münchener und Basler Kammerorchester
sowie die Dirigenten Carl St. Clair, Elim Chan, Michael Francis, Howard
Griffiths, Pietari Inkinen, Jun Märkl, Cornelius Meister, Sir Roger
Norrington, Eva Ollikainen, Alexander Shelley und Mario Venzago.
Geboren
in Rochester, New York, zeigte Claire früh eine Vorliebe für das
Klavier und wurde 1999 mit neun Jahren in das Weiße Haus eingeladen. Sie
studierte bei Gary Graffman und Eleanor Sokoloff am Curtis Institute of
Music, bevor sie für weiterführende Studien zu Arie Vardi nach Hannover
wechselte. Claire ist stolze Botschafterin des Henle Verlagshauses und
künstlerische Leiterin der Erbacher Kammerkonzerte.