07.03.26
Pianorecital Cyprien Katsaris
Samstag, 7. März 2026, 18 Uhr
Konzertdauer: ca. 50 min │Pause │ca. 45 min
Cyprien Katsaris (*1951)
Improvisation über das antike Saikilos-Lied
Joseph Haydn (1732–1809)
Klaviersonate C-Dur Hob. XVI:35
I. Allegro con brio
II. Adagio
III. Finale
Franz Schubert (1797–1828)
Klavierstück Nr. 2 Es-Dur
aus den Drei Klavierstücken D 946
Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Sechs Variationen D-Dur op. 76
über den „Türkischen Marsch“
aus „Die Ruinen von Athen“
Franz Liszt (1811–1886)
Fantasie über Beethovens Ruinen von Athen S 389
------------------
PAUSE
------------------
Frédéric Chopin (1810–1849)
Mazurka a-Moll op. 67 Nr. 4
Fantaisie-Impromptu cis-Moll op. 66
Walzer cis-Moll op. 64, Nr. 2
Nocturne Es-Dur op. 9, Nr. 2
Grande Polonaise brillante („Héroïque“) As-Dur op. 53
Franz Liszt (1811–1886)
Fantasie über ungarische Volksmelodien
(Transkr. Bülow/Katsaris)
------------------
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war es selbstverständlich, dass
Klaviervirtuosen in ihren Konzerten nicht nur mit auskomponierten (meist
eigenen) Werken glänzten, sondern auch improvisierten. Cyprien Katsaris wird uns zu Beginn seines Recitals an diese versunkene Kunst erinnern
und er hat dafür – auch als Hommage an seine Herkunft – eine ganz
besondere Grundlage gewählt: das altgriechische Seikilos-Lied, das als
das früheste überlieferte Lied der Menschheitgeschichte gilt. Spätestens
im 3. Jahrhundert n. Chr. in eine Stele gemeißelt, unterlegt die
anrührende, fremd und vertraut zugleich klingende Melodie einen Text,
der sich etwa wie folgt übersetzen lässt: „Solange du lebst, zeige dich
und sei nicht über die Maßen betrübt. Nur kurz währt das Leben. Das Ende
fordert die Zeit ein.“
In den Jahren zwischen 1773 und 1780
wandte sich Joseph Haydn verstärkt der Klaviersonate zu, einer Gattung,
die sonst nicht im Mittelpunkt seines Interesses gestanden hatte. So
wurden die drei Sammlungen zu je sechs Sonaten in einer Zeit, da seine
Erkundungen des Streichquartetts zwischenzeitlich ruhten, zu den
wichtigsten Werken für das Musizieren im privaten Rahmen – und so zu
Gegenentwürfen zur öffentlichen Gattung Symphonie. Die C-Dur-Sonate Hob
XVI:35 ist die erste jener sechs Sonaten, die 1780 als op. 30 erschienen
und die den Schwestern Franziska und Marianne von Auenbrugger gewidmet
sind, deren Spiel Haydn sehr schätzte. Im eröffnenden Allegro con brio
baut Haydn – mit der ihm eigenen Prise musikalischen Humors – die
komplette Sonatensatzform aus Motiven des ersten Themas auf, wobei die
Punktierung und die begleitenden Triolen eine Hauptrolle spielen. Der
zweite Satz ist zwar Adagio überschrieben und hebt auch getragen an,
bald beschleunigt sich die gefühlte Gangart aber durch die durchlaufende
Achtelbewegung zu anmutiger Bewegung. Mehrdeutig ist auch das Finale,
dessen Thema im Dreiviertel-Takt mit entsprechenden Wiederholungen
Menuett-Charakter trägt und das gleichzeitig ein kleiner Variationssatz
ist.
Zwischen den zwei Sammlungen von Impromptus und seinen drei
letzten großen Klaviersonaten schrieb Franz Schubert im Mai 1828 unter
anderem drei Klavierstücke, die erst 1868 von Johannes Brahms
veröffentlicht wurden und im Werkverzeichnis als Nummer D 946 geführt
werden. Ob Schubert sie ursprünglich als eine weitere Gruppe von vier
Impromptus geplant hatte, ist unklar, auch ein zyklischer Zusammenhang
ist nur lose zwischen den ersten beiden Stücken erkennbar, sodass – wie
heute Abend – die Nr. 2 in Es-Dur auch für sich stehen kann. Die weit ausgreifende, fünfteilige Form dieses Allegretto entsteht durch die
dreimalige und damit rondoartige Wiederkehr des ersten Abschnitts, der
mit seiner Terzenmelodik in Sechsachtelbewegung volkstümliche Züge
trägt. Mit den beiden eingeschobenen Episode beschleunigt sich die
innere Bewegung und die Stimmung verdüstert sich merklich, wobei der
Kontrast in der zweiten Episode noch durch den Wechsel in eine gerade
Taktart unterstrichen wird. In der beunruhigenden Stimmung dieses ausgedehnten vierten Teils scheint Schubert sich fast zu verlieren, die Rückkehr zur Hauptmelodie hat etwas von Heimkehr und Erleichterung.
Als Ludwig van Beethoven im Sommer
1809 (Wien stand unter französischer Besatzung) seine Sechs Variationen
D-Dur op. 76 komponierte, hatte das eingängige Marsch-Thema, das er
zugrundelegte, noch keinen Namen. Erst zwei Jahre später wurde daraus –
um „orientalische“ Verzierungen angereichert – der Türkische Marsch im
Rahmen seiner Schauspielmusik „Die Ruinen von Athen“. So belanglos und
repetitiv das Thema daherkommt, so geistreich entlockt Beethoven ihm
doch auch andere Facetten: figurativ aufgelöst (Variationen 1 und 5),
kraftvoll über die Tastatur verstreut (Var. 2), in Sechsachtel-Bewegung
abgemildert (Var. 3) oder kapriziös zugespitzt (Var. 4). Die sechste
Variation steigert sich –wohl bewusst etwas übertrieben –
akkordisch-virtuos und mündet in eine Wiederkehr des unveränderten
Themas samt Schluss-Pointe, was dessen leicht sarkastisch-humoristischen
Unterton noch verstärkt.
Das eingangs erwähnte freie
Improvisieren nannte man im 19. Jahrhundert „Fantasieren“ und Franz
Liszt muss ein überragender Könner auf diesem Gebiet gewesen sein. In
seinem Komponieren schlug sich das insofern nieder, als er sich in
zahlreichen „Fantasien“, „Paraphrasen“ oder „Reminescences“ kreativ mit
der Musik anderer Komponisten auseinandersetzte, darunter auch mit der
Beethovens. In seiner zunächst 1853 als Werk für Klavier und Orchester
vollendeten, 1864 für Klavier solo umgearbeiteten Fantasie über
Beethovens Ruinen von Athen (S 389) bildet der Türkische Marsch (nun mit
den genannten Verzierungen) den Zielpunkt der Entwicklung. Zunächst
verarbeitet Liszt aber vor allem die Nr. 6 aus Beethovens
Schauspielmusik, einen langsamen Marsch und Chor, bevor er Beethovens
dritte Nummer, den Chor der Derwische mit seinen furchteinflößenden
Trillern ins dämonisch Virtuose steigert. Den großen Meister im
Fantasieren zeigt dann nach einer kurzen Reprise des langsamen Marsches
die folgende Überleitung und Vorbereitung des Türkischen Marsches, den
Liszt zu einem köstlichen Kabinettstück formt, ehe die Fantasie in einer
Rückschau auf alle drei verarbeiteten Themen kulminiert.
Auch
Frédéric Chopin muss meisterhaft improvisiert haben, der Eindruck des
spontan, wie aus dem Moment heraus Entstehenden vieler seiner
Klavierstücke täuscht aber. Bei genauerer Betrachtung erweisen diese
sich als bis ins Detail ausgefeilte und durchdachte
Miniatur-Meisterwerke, wie Cyprien Katsaris’ Auswahl für den heutigen
Abend beweist: Zählt die melancholische a-Moll-Mazurka op. 67, Nr 4
(1846) zu den weniger bekannten Stücken aus dieser Reihe, so gehören die
anderen Werke zu Chopins beliebtesten: das opulent ausgreifende
Fantaisie-Impromptu cis-Moll op. 66 (1835) mit seiner herrlichen
Dur-Melodie als zentralem Abschnitt, der nachdenkliche cis-Moll-Walzer
op. 64, Nr. 2 (1847), das in Belcanto-Manier ausgesungene Nocturne in
Es-Dur op. 9, Nr. 2 (1832) und schließlich die nicht umsonst mit dem
Beinamen „Polonaise Héroïque“ belegte Grande Polonaise Brillante As-Dur
op. 53 (1843) mit ihren aberwitzigen Oktavpassagen im Mittelteil.
Zurück
zu Franz Liszt, der sich immer wieder mit ungarischer Volksmusik
auseinandergesetzt hat, am prominentesten in Form seiner um 1840
entstandenen Ungarischen Rhapsodien. Die Nummer 14 daraus arbeitete
Liszt 1853 zur Fantasie über ungarische Volksmelodien für Klavier und
Orchester (S 123) um. Widmungsträger war der Pianist und Dirigent Hans
von Bülow, der auch die Uraufführung leitete. Er war es auch, der das
Werk für zwei Klaviere transkribierte – eine Fassung, die Cyprien
Katsaris als Basis für seine Version für Klavier solo diente. Ein
brütendes Synkopen-Thema in Moll eröffnet die Fantasie, ehe eine Kadenz
die Bewegung beschleunigt und zur triumphalen Dur-Version (Allegro
eroico) diese Themas überleitet. Weiteres markantes Material bieten der
leichtfüßige Alla zingarese-Abschnitt und das mitreißende Vivace assai,
das schließlich in eine Reprise des heroischen Hauptthemas mündet.
Dr. Juan Martin Koch (c) Kulturwald gGmbH 2026
------------------
Cyprien Katsaris
Der Pianist und Komponist Cyprien Katsaris kam 1951 als Sohn zypriotischer Eltern in Marseille, Frankreich, zur Welt. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er im Alter von vier Jahren bei Marie-Gabrielle Louwerse – in Kamerun, wo er aufwuchs.
Nach Abschluss seines Studiums am Pariser Conservatoire – er studierte Klavier bei Aline van Barentzen und Monique de la Bruchollerie, Kammermusik bei René Leroy und Jean Hubeau – gewinnt er mehrere internationale Preise, wie den Internationalen Musikwettbewerb Cziffra in Versailles 1974 und den UNESCO-Preis der Internationalen Tribüne junger Interpreten 1977 in Bratislava. Beim Internationalen Königin-Elisabeth-Wettbewerb 1972 in Brüssel ist er der einzige Preisträger aus Westeuropa.
Seine internationale Karriere führt Cyprien Katsaris zu den bedeutendsten Orchestern wie den Berliner Philharmonikern, der Staatskapelle Dresden, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Cleveland Orchestra, dem Royal Concertgebouw Amsterdam, dem Philharmonia (London), dem NHK Symphony Orchestra (Tokyo), dem Moskau Philharmonic Orchestra, dem Beijing Symphony Orchestra… unter der Leitung von Dirigenten wie Leonard Bernstein, Kurt Masur, Myung Whun Chung, Sir Neville Marriner, Sir Simon Rattle, Antal Doráti, Mstislaw Rostropowitsch, Charles Dutoit, Nikolaus Harnoncourt, Christoph von Dohnányi … und Karl Münchinger. Letzterer lud Cyprien Katsaris zu seinem Abschiedskonzert mit dem Stuttgarter Kammerorchester im Jahre 1986 als Interpreten von Haydns Klavierkonzert in D-Dur ein.
Cyprien Katsaris kann auf eine beeindruckende Diskographie verweisen, darunter Sony Classical, EMI, Warner Classics, Deutsche Grammophon, BMG/RCA, Decca, Pavane, PIANO 21 und Teldec (Grand Prix du Disque Frédéric Chopin, Warschau 1985; Grand Prix du Disque Franz Liszt, Budapest 1984 und 1989; British Music Retailers Association’s Award 1986; Aufnahme des Jahres 1984, Deutschland, für Beethovens/Liszts 9. Symphonie).
Cyprien Katsaris’ Repertoire umfasst einerseits die klassischen Werke, wie die gesamten Klavierkonzerte von Mozart, die er mit Yoon K. Lee und der Salzburger Kammerphilharmonie in Salzburg und Wien gespielt und live aufgenommen hat, aber auch in Vergessenheit geratene Stücke, deren Wiederentdeckung ihm ein großes Anliegen ist, wie zum Beispiel das Konzert im ungarischen Stil von Liszt/Tschaikowsky, das er mit Eugene Ormandy und dem Philadelphia Orchestra aufgenommen hat.
1992 produzierte das Japanische Fernsehen NHK eine dreizehnteilige Serie über Chopin mit Cyprien Katsaris, die einen Soloabend und Katsaris’ Interpretationskurse umfasst. Am 17. Oktober 1999 bedankten sich die New Yorker Musikliebhaber in der Carnegie Hall bei ihm mit Standing Ovations für das Konzert, das er zum 150. Todestag von Frédéric Chopin gab. Am 27. Januar 2006, dem 250. Geburtstag Mozarts, war er Solist beim Eröffnungskonzert des Mannheimer Mozartorchesters, das von seinem Gründer Thomas Fey geleitet wurde. Im März 2006 gab Cyprien Katsaris Meisterkurse im Hause Franz Liszts in Weimar und war damit der erste Pianist, der seit dem Tode des Komponisten 1886 dort unterrichtete. Im August 2008 wurde er nach Peking eingeladen, um dort anlässlich der Olympischen Spiele im National Center for the Performing Arts zwei Konzerte zu geben.
Nach der Welturaufführung von China Jubilee, eines Konzerts von Cui Shiguang für zehn Klaviere und Orchester, improvisierte er als Huldigung an die Universalität der Olympischen Spiele unter anderem über eine Melodie aus dem antiken Griechenland und über Melodien aus China. Am 10. Juli 2014 gab Cyprien Katsaris das allererste Konzert in der Fondation Louis Vuitton in Paris.
Er war Mitglied der Jury folgender Internationaler Wettbewerbe: Chopin (Warschau 1990), Liszt (Utrecht 1996), Prix Vendôme (Paris 2000), Marguerite Long-Jacques Thibaud (Paris 2001), Beethoven (Bonn 2005), Giorgos Thymis (Thessaloniki 2011) und Skrjabin (Moskau 2012). Darüber hinaus war er von 1977 bis 2007 künstlerischer Leiter des Internationalen Musikfestivals Echternach (Luxemburg).
Cyprien Katsaris ist „Künstler der UNESCO für den Frieden“ (1997). Er wurde mit dem „Kommandeurkreuz des Verdienstordens des Großherzogtums Luxemburg“ (2009) ausgezeichnet und zum „Ritter des Ordens für Kunst und Literatur“ (Frankreich 2000) ernannt. Des weiteren erhielt er die „Medaille Vermeil der Stadt Paris“ (2001) und den „Nemitsas Preis“ (Zypern, 2011). Er ist Mitglied der ADAP (Association des Artistes pour la Paix) und Ehrenmitglied von „Lisztomanias International“.
2023 erhielt er den begehrten Franz Liszt Ehrenpreis der Neuen Franz Liszt Stiftung und der Weimarer Klassik Stiftung. Die Laudatio hielt Nike Wagner, Ur-Ur-Enkelin von Franz Liszt und Ur-Enkelin von Richard Wagner.