29.03.26
Pianorecital Elisabeth Leonskaja
Sonntag, 29. März 2026, 16 Uhr
Johannes Brahms (1833–1897)
Klaviersonate Nr. 1 C-Dur op. 1
I. Allegro
II. Andante (Nach einem altdeutschen Minneliede)
III. Scherzo. Allegro molto e con fuoco
IV. Finale. Allegro con fuoco
Klaviersonate Nr. 2 fis-Moll op. 2
I. Allegro no troppo, ma energico
II. Andante con espressione
III. Scherzo. Allegro
IV. Finale. Introduzione. Sostenuto – Allegro non troppo e rubato
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PAUSE
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Johannes Brahms (1833–1897)
Klaviersonate Nr. 3 f-Moll op. 5
I. Allegro maestoso
II. Andante espressivo
III. Scherzo. Allegro energico
IV. Intermezzo (Rückblick). Andante molto
V. Finale. Allegro moderato ma rubato
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„Ich dachte, […], es würde und müsse nach solchem Vorgang einmal
plötzlich Einer erscheinen, der den höchsten Ausdruck der Zeit in
idealer Weise auszusprechen berufen wäre […]. Und er ist gekommen, ein
junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten. Er heißt
Johannes Brahms, kam von Hamburg, dort in dunkler Stille schaffend, aber
von einem trefflichen und begeistert zutragenden Lehrer gebildet in den
schwierigsten Satzungen der Kunst, mir kurz vorher von einem verehrten
bekannten Meister empfohlen.“ Was Robert Schumann Ende Oktober 1853 in
seinem letzten Artikel für die von ihm gegründete Neue Zeitschrift für
Musik unter dem berühmt gewordenen Titel „Neue Bahnen“ schrieb, ist in
die Musikgeschichte eingegangen. Der Eindruck, den der damals 20-jährige
Johannes Brahms am 30. September 1853 bei seinem ersten Besuch im Hause
von Clara und Robert Schumann machte, muss überwältigend gewesen sein,
wie Schumanns weitere Schilderung deutlich macht: „Er trug, auch im
Aeußeren, alle Anzeichen an sich, die uns ankündigen: das ist ein
Berufener. Am Clavier sitzend, fing er an wunderbare Regionen zu
enthüllen. Wir wurden in immer zauberischere Kreise hineingezogen. Dazu
kam ein ganz geniales Spiel, das aus dem Clavier ein Orchester von
wehklagenden und lautjubelnden Stimmen machte. Es waren Sonaten, mehr
verschleierte Symphonien, – Lieder, deren Poesie man, ohne die Worte zu
kennen, verstehen würde, obwohl eine tiefe Gesangsmelodie sich durch
alle hindurchzieht […].“
Eine der Sonaten, die Schumann wegen
ihres Umfang und ihres Anspruchs als „verschleierte Symphonie“ empfand,
war Brahms’ im Frühjahr 1853 vollendete erste Klaviersonate C-Dur op. 1.
Im Gegensatz zu den Gattungen Symphonie und Streichquartett, denen er
sich nur sehr zögernd und äußerst selbstkritisch näherte, strahlt sein
frühes Sonatenschaffen für Klavier solo ein hohes Maß an Zielstrebigkeit
und Selbstbewusstsein aus. So beginnt die C-Dur-Sonate mit einem an
Beethovens große „Hammerklaviersonate“ erinnernden, massiv-akkordischen
Thema mit markanter Punktierung. Schon im Seitenthema erleben wir aber
den lyrisch-empfindsamen Brahms und auch die Durchführung beginnt
zurückgenommen mit der Schlussgruppe, ehe sich das Hauptthema dramatisch
zuspitzt. Der langsame Satz besteht aus freien Variationen „nach einem
altdeutschen Minneliede“, wie Brahms im Notentext vermerkt. Er verwendet
dabei eine Melodie des Volksliedforschers Anton Wilhelm von
Zuccalmaglio, die möglicherweise auf eine Weise vom Niederrhein
zurückgeht. Brahms unterlegt die auf einen „Vorsänger“ (einstimmig) und
„Alle“ (akkordisch) verteilte Melodie in den Noten auch mit dem
entsprechenden Text: „Verstohlen geht der Mond auf, / blau, blau
Blümelein, / durch Silberwölkchen führt sein Lauf; / blau, blau,
Blümelein, Rosen im Thal, Mädel im Saal. Oh schönste Rosa!“ Auf das attacca, also ohne Pause angeschlossene feurige 6/8-Scherzo (Allegro molto e con fuco) mit einem wiegenden
Mittelteil im 3/4-Takt folgt das stürmische, rondoartige Finale, dessen
akkordisches 9/8-Hauptmotiv vom ersten Thema des Kopfsatzes abgeleitet
ist.
Die zweite Klaviersonate fis-Moll op. 2 hatte Brahms schon
im November 1852, also vor der ersten vollendet, setzte sie bei der
Druckfassung (Clara Schumann gewidmet) aber an die zweite Stelle seines
Schaffens, vielleicht weil sie im Vergleich zur C-Dur-Sonate in einem
etwas pianistischer gedachten, virtuosen Stil gehalten ist. Entsprechend
brillant vollgriffig ist über weite Strecken der eher knappe erste Satz
gehalten. Der zweite hat wiederum Variationencharakter, wobei Brahms
den Erinnerungen Albert Dietrichs zufolge den Text eines Liedes namens
„Mir ist leide“ als Stimmungshintergrund dieses ziemlich aufgewühlten
Andante con espressione im Kopf hatte. Mit ähnlichem melodischen
Material arbeitet das wiederum ohne Pause sich anschließende Scherzo, das rasch
in ein melancholisch pendelndes Trio übergeht, ehe eine variierte
Reprise des Scherzoteils folgt. Den Zielpunkt des Werks bildet als
längster und komplexester Satz das Finale in Sonatenform, das von einer –
wiederum auf Beethoven verweisenden – fantasieartigen langsamen
Einleitung vorbereitet wird. Der zunächst eher verhaltene Gesang des
anschließenden Hauptthemas macht bald akkordisch bewegteren Motiven
Platz. Die arpeggierten Akkorde der Schlussgruppe bilden den
außergewöhnlichen Einstieg in die Durchführung, die dann dramatisch
Fahrt aufnimmt. Die Coda greift die langsame Einleitung wieder auf, ehe
zwei wuchtige Akkorde den Schlusspunkt setzen.
Seine Erfahrungen
mit diesen beiden offiziellen Debütwerken gingen in sein erstes
pianistisches Meisterwerk, die im Oktober 1853, also nach dem Besuch bei
den Schumanns vollendete dritte Klaviersonate f-Moll op. 5 ein. Ein
wiederum äußerst energisches, akordisches Hauptthema eröffnet den
Kopfsatz. Das markant in die Höhe springende Motiv daraus taucht an
vielen weiteren Stellen als mottoartiges Signal auf. Auch dieser
Sonatensatz kennt aber innig ausgesungene Passagen
(con espressione)
und
in der mit donnernden Oktavgängen eröffneten Durchführung steigert
Brahms eine solche in zunehmend drängenden Synkopen zu einer triumphalen
Rückkehr des Hauptthemas in Dur. Vollgriffig, die Grenzen des
Instruments bis zum Äußersten auslotend, endet dieser bemerkenswerte,
aufregende Satz. Beruhigung bringt zunächst das Andante espressivo, dem
Brahms Zeilen aus dem Gedicht „Junge Liebe“ von C.O. Sternau (Otto
Julius Inkermanns Pseudonym) voranstellt: „Der Abend dämmert, das
Mondlicht scheint, / Da sind zwei Herzen in Liebe vereint / Und halten
sich selig umfangen.“ Von einer schlicht ab- und aufsteigenden, mit
einem Triller verzierten Melodie aus steigert der Satz sich im Laufe
seiner komplexen Mehrteiligkeit zu hymnischem Ausdruck. Zusammen
mit dem Gedicht hat dies zu Spekulationen darüber geführt, dass
insbesondere die Begegnung mit Clara Schumann den jungen Brahms zu
diesem Gefühlsausbruch inspirierte… Nach dem trotzigen Scherzo mit
nachdenklich verhangenem Trio-Mittelteil schiebt Brahms überraschend ein
Intermezzo ein. Es handelt sich dabei um einen Rückblick (so auch der
Untertitel), vor allem auf den zweiten Satz, dessen Hauptthema Brahms
zu Beginn zitiert. Die Erinnerung an den Überschwang der „jungen Liebe“
wird allerdings von einem pochenden Viertonmotiv empfindlich gestört.
Zögernd, tastend setzt das Finale ein, das aber bald Fahrt aufnimmt und
von der Bandbreite des Ausdrucks her eine Art Fazit der vorherigen Sätze
darstellt. Neue Akzente setzen eine hymnisch-choralartige Passage und
die virtuose Beschleunigung des 6/8-Pulses am Ende dieses bemerkenswerten Werks.
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Elisabeth Leonskaja
Die Pianistin Elisabeth Leonskaja gehört zu den bedeutendsten Interpreten unserer Zeit. Für ihr Lebenswerk wurde ihr 2020 der International Classical Music Award (ICMA) verliehen. Einige Jahre vorher erhielt sie von ihrem Geburtsland Georgien die höchste Auszeichnung des Landes „Priesterin der Kunst“. Auch in ihrer Wahlheimat Österreich wurde ihr das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst erster Klasse für besondere Verdienste um die Kultur des Landes verliehen. 2024 bekam sie in London die Wigmore Hall Medal.
Ihre künstlerische Entwicklung verdankt sie dem legendären Pianisten Swjatoslaw Richters, der früh ihre außerordentliche Begabung erkannte und förderte. Die Partnerschaft der beiden entwickelte sich zur Freundschaft und hielt bis zu Richters Tod 1997 an.
1978 verließ Elisabeth Leonskaja die Sowjetunion in Richtung Österreich und feierte mit einem umjubelten Konzert bei den Salzburger Festspielen den Auftakt zu ihrer großen Karriere. Seither tritt sie als Solistin weltweit mit den führenden Orchestern und Dirigenten auf und gibt Solo-Rezitals in allen großen Konzertsälen Europas.
Als Pianistin, die stets zur Quintessenz der Werke vordringen möchte und die sich der ganzen Musik verpflichtet fühlt, liegt ihr neben den solistischen Auftritten die Kammermusik am Herzen. Eine langjährige musikalische Freundschaft verband sie mit dem Alban Berg Quartett; die gemeinsamen Einspielungen gelten als legendär.
Zahlreiche Preise schmücken Elisabeth Leonskajas umfangreiche Diskografie. Sie hat u.a. den begehrten Caecilia Prize und den Diapason d’Or bekommen. Sie hat sämtliche Klaviersonaten von Franz Schubert und Wolfgang Amadeus Mozart eingespielt. Im Jahr 2024 erschienen die Klavierkonzerte von Robert Schumann und Edvard Grieg mit dem Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Michael Sanderling. Ihr jüngstes Solo-Album ist der zweiten Wiener Schule – Arnold Schönberg, Anton Webern, Alban Berg – gewidmet, Mit Orchesterbegleitung veröffentlichte sie 2025 Beethovens Klavierkonzert „Emperor“, zusammen mit dem Quintett für Klavier und Bläser desselben Komponisten.