Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen

22.03.26

Pianorecital Yulianna Avdeeva

Sonntag, 22. März 2026, 16 Uhr

Johann Sebastian Bach (1685–1750)
Chromatische Fantasie und Fuge 
d-Moll BWV 903

Franz Liszt (1811–1886)
Bagatelle ohne Tonart S 216a
Csárdas macabre S 224
Unstern! S 208
Légende Nr. 2 – St. François de Paule marchant sur les flots S 175/2

------------------ 
PAUSE
------------------ 

Frédéric Chopin (1810–1849)
Préludes op. 28

1. Agitato C-Dur – 2. Lento a-Moll
3. Vivace G-Dur – 4. Largo e-Moll
5. Allegro molto D-Dur – 6. Lento assai h-Moll
7. Andantino A-Dur  – 8. Molto agitato fis-Moll
9. Largo E-Dur  – 10. Allegro molto cis-Moll
11. Vivace H-Dur – 12. Presto gis-Moll
13. Lento Fis-Dur – 14. Allegro es-Moll
15. Sostenuto Des-Dur – 16. Presto con fuoco b-Moll
17. Allegretto As-Dur – 18. Allegro molto f-Moll
19. Vivace Es-Dur – 20. Largo c-Moll
21. Cantabile B-Dur – 22. Molto agitato g-Moll
23. Moderato F-Dur – 24. Allegro appassionato d-Moll

------------------ 

Es gibt viele Werke im Schaffen Johann Sebastian Bachs, die eine Aura des Zeitlosen, ja Universellen umgibt. Andere dagegen wirken in der Rückschau und im Kontext ihrer Entstehung modern, ja avantgardistisch – ganz so, als habe Bach sie als ein bewusst progressives künstlerisches Statement geschrieben. Seine möglicherweise 1720 unter dem Eindruck des Todes seiner ersten Frau Maria Barbara komponierte Chromatische Fantasie d-Moll BWV 903 ist ein solches Werk, wobei die dazugehörige Fuge trotz des wiederum ungewöhnlich chromatisch (also mit Halbtonschritten) gestalteten Themas und ungebundener Zwischenspiele die unerhörte Kühnheit der Fantasie ein Stück weit ausbalanciert. In ihr bewegt Bach sich frei über die Grenzen von Taktstrichen und Tonarten hinweg, lässt den durch die Grundtonart d-Moll gesetzten Grundaffekt in aberwitzig über die Tasten fegenden Passagen (erster Abschnitt) und Arpeggien (zweiter Abschnitt) ungeschützt zur Entfaltung kommen. Im abschließenden Rezitativ bringt Bach diesen Affekt der Trauer und der Entgrenzung zum Sprechen und zu einem nur vorläufigen Abschluss. Die aufgestaute Spannung löst sich in der Strenge und Klarheit der anschließenden Fuge.

Modern, avantgardistisch: So könnte man auch einige Stücke aus Franz Liszts Spätwerk bezeichnen, wobei diese jedoch erst so weit nach Liszts Tod durch Veröffentlichungen bekannt wurden, dass ein unmittelbarer Einfluss auf die beginnende Moderne ab 1910 auszuschließen ist. Eher leichtfüßig, fast ironisch bewegt Liszt sich in seiner kurzen Bagatelle ohne Tonart (1885, S 216a) abseits jeglicher harmonischen Erdung und verwandelt diese Kühnheit im Csárdas macabre (1882, S 224) in ein abgründiges Spiel mit dem ungarischen Tanzkolorit. In „Unstern!“ (1881, S 208) nimmt die Freiheit im Umgang mit tonartlicher Bindung dem sinistren Titel entsprechend bedrohliche, ja verstörende Züge an. Diesen drei Alterswerken setzt Yulianna Avdeeva als letztes Stück vor der Pause den innigen, zu hymnischer Extase gesteigerten Gesang der zweiten Legende gegenüber: „St. François de Paule marchant sur les flots“ (1863, S 175/2). Liszt lässt darin die Geschichte des Heiligen, der seinen Mantel über die Meerenge von Messina breitet und so übers Wasser schreitet, auf unnachahmlich sprechende und spektakuläre Weise zu Klang werden.

Wenn es so etwas wie die Summe des Schaffens von Frédéric Chopin gibt, so ist dies (neben der h-Moll-Sonate) zweifellos die Sammlung seiner 24 Préludes op. 28. In kondensierter Form enthalten sie alles, was die spezifisch pianistische Kunst seines Komponierens ausmacht. So erleben wir in einer zyklischen Aufführung (die der Komponist nicht zwingend vorschrieb, aber sicher im Sinn hatte), wie Chopin sich mit Bachs Wohltemperiertem Klavier als Vorbild durch sämtliche Tonarten bewegt und deren jeweilige Farb- und Ausdruckswerte herausstellt. Dabei geht Chopin – anders als Bach – nach dem Quintenzirkel vor und stellt der Durtonart jeweils die Mollparalle gegenüber (C-Dur – a-Moll, G-Dur – e-Moll usw.). In den Werkpaaren, die sich dadurch ergeben, setzt Chopin zunächst auf den naheliegenden Kontrast zwischen einem raschen, unbeschwert die Tasten erkundenden Präludium in Dur und einem melancholisch-nachdenklichen in Moll. Ab der Nummer 7 dreht er die Tempofolgen aber auch um und die Moll-Präludien nehmen bisweilen einen dramatisch-rastlosen Charakter an. Auch werden die Stücke zur zweiten Hälfte hin länger, Chopins Erkundungen werden expansiver, tiefgründiger. Eine Summe seiner Kunst sind die Präludien vor allem aus zwei Gründen: Zum einen erleben wir die ganze Bandbreite von Chopins technischer Beherrschung des Instruments – einen unerschöpflichen Reichtum an pianistischen Herausforderungen, der jedoch immer in musikalischen Ausdruck umschlägt. Zum anderen nehmen einige Präludien Züge jener Studien- und Charakterstücke an, die Chopin in mehreren Sammlungen zu erlesenen Kunstformen erhoben hatte: So ähneln etwa die Nummern 3, 8, 10, 16 und 19 Etüden mit einer bestimmten technischen „Problemstellung“, die Nummern 3 und 13 sind im Stil eines Nocturnes gehalten, die schlichte Nummer 7 tendiert zur Mazurka. Andere prägen eine ganz eigene Charakteristik aus, darunter die berühmte Nummer 15, deren leise pochende Tonwiederholungen dank einer Erinnerung von George Sand über die Entstehung auf Mallorca zum Titel „Regentropfen-Prélude“ geführt haben. Der trifft in seiner Harmlosigkeit aber nur die Außenteile dieses längsten Stücks im Zyklus. Im mittleren Teil verdüstert und verdichtet sich die Stimmung ins fast Manische – ein Vorausblick auf das dramatische Ende der Sammlung, bei dem zwischen zwei furios abgründigen Préludes (Nummern 22 und 24) die Nummer 23 nur kurzzeitig für Aufhellung sorgt. Mit dem erschütternden Eindruck des finalen Stücks mit seinen herabstürzenden Tonleiterkaskaden und drei unerbittlichen Schlusstönen in tiefer Lage lässt Chopin uns am Ende zurück: herausgefordert und reich beschenkt.

Dr. Juan Martin Koch (c) Kulturwald gGmbH 2026

------------------ 

Yulianna Avdeeva

Yulianna Avdeeva, eine Pianistin von feurigem Temperament und herausragender Virtuosität, ist Goldmedaillengewinnerin des Internationalen Chopin-Klavierwettbewerbs 2010, der sie international bekannt machte. Sie wurde für ihre „konsequent führende Position in Sachen reiner Leidenschaft und Musikalität, ganz zu schweigen von technischer Brillanz“ sowie für ihre „spontanen und unberechenbaren“ Aufführungen, „voller Tiefe und Farbigkeit“ (The Telegraph), gefeiert. Mit Kraft, Überzeugung und Sensibilität fesselt sie ihr Publikum auf der ganzen Welt.

In Europa zählt Yulianna zu den gefragtesten Künstlerinnen. Sie tritt regelmäßig in der Warschauer Philharmonie, im Rudolfinum Prag, im Pierre Boulez Saal Berlin, im Wiener Konzerthaus und in der Elbphilharmonie Hamburg auf. Kürzlich gab sie ihre Debüts bei den Festivals in Salzburg und Gstaad sowie im Concertgebouw Amsterdam.

Zu den Höhepunkten der Saison 2025/26 gehören eine Recital-Tour durch Korea und China, das Festival „Chopin und sein Europa“ in Warschau sowie Rezital-Debüts im Musikverein Wien, in der Kölner Philharmonie, der Berliner Philharmonie, bei der La Jolla Music Society, den Philip Lorenz International Keyboard Concerts, in Houstons DACAMERA-Reihe, beim Festival de Tannay in der Schweiz, bei der Società del Quartetto di Milano und im Music Center De Bijloke in Belgien. Außerdem kehrt sie zum Círculo de Bellas Artes in Madrid zurück, um Schostakowitschs 24 Präludien und Fugen Op. 87 vollständig aufzuführen, und zum Rudolf Firkušný Klavierfestival in Prag für ein Solorecital mit Auszügen aus Op. 87 im Rudolfinum.

Als Solistin stand Yulianna u. a. mit dem Seattle Symphony, Bournemouth Symphony, Pittsburgh Symphony, Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, Orchestre Symphonique de Montréal, WDR Sinfonieorchester Köln, Dresdner Philharmonie, Orchestre Consuelo beim Festival La Chaise-Dieu und der Franz Schubert Filharmonia auf der Bühne. Nach ihrem Auftritt beim Gewandhaus Schostakowitsch Festival folgt in dieser Saison eine Europatournee mit Andris Nelsons und dem Gewandhausorchester Leipzig. Bevorstehende Kammermusikprojekte umfassen eine Tournee mit dem Belcea Quartet mit Konzerten in Wien, Hamburg, Berlin und Madrid.

Die Saison 2024/25 brachte unter anderem eine Rückkehr in die Carnegie Hall nach ihrem ausverkauften Rezital-Debüt 2023. Dort spielte sie ein Programm mit Werken von Chopin und Liszt, das sie auch in Spanien, Deutschland, den USA, Frankreich, Österreich und Italien präsentierte. Weitere Engagements führten sie mit dem New York Philharmonic zum Bravo! Vail Music Festival, zu ihrem Debüt bei der Celebrity Series of Boston, zu einem Rezital beim Rockport Chamber Music Festival sowie zu mehreren Konzerten beim Seattle Chamber Music Festival an der Seite des Geigers James Ehnes.

In Zusammenarbeit mit dem Boston Symphony Orchestra veranstaltete das Gewandhausorchester ein Festival zum 50. Todestag Schostakowitschs, bei dem Yulianna im Frühjahr 2025 das gesamte Op. 87 aufführte. Neben Leipzig spielte sie den Zyklus im Pierre Boulez Saal Berlin, im Palau de la Música Barcelona, im Saitama Arts Center Tokio, beim Festival de Lanaudière in Quebec, im National Centre for the Performing Arts in Peking, in Ostrava (Tschechische Republik) und in Seon (Schweiz). Ihr Debüt beim Chicago Symphony Orchestra gab sie in der Saison 2023/24.

Yulianna veröffentlichte kürzlich drei Alben bei PENTATONE: Resilience (2023), Chopin: Voyage (2024) und eine Gesamtaufnahme von Schostakowitschs Op. 87 (2025). Ihre Einspielungen der Chopin-Klavierkonzerte mit dem Orchestra of the Eighteenth Century unter Frans Brüggen (2013), drei Soloalben mit Werken von Bach, Mozart, Schubert, Chopin, Liszt und Prokofiev (2014, 2016, 2017), die Kammermusik-Kollaborationen mit Gidon Kremer in Weinbergs Werken (2017, 2019) sowie eine Soloaufnahme bei Deutsche Grammophon (2015) dokumentieren ihr künstlerisches Schaffen eindrucksvoll.

2025 startete Yulianna das Online-Projekt #AvdeevaShostakovichProject, in dem sie alle 24 Präludien und Fugen spielt und kommentiert. Begleitet wurde das Projekt von #YuliannasMusicalDialogues, einem offenen Raum für ihre Follower, um ihre Leidenschaft für Musik zu teilen. Auch ihr Online-Bildungsprojekt #AvdeevaBachProject während des Covid-19-Lockdowns, das über eine halbe Million Aufrufe erzielte, stieß weltweit auf Begeisterung. avdeevapiano.com