06.03.26
Zehetmair Quartett
Freitag, 6. März 2026, 19 Uhr
Thomas Zehetmair – Violine
Jakub Jakowicz – Violine
Ruth Killius – Viola
Daniel Haefliger – Violoncello
Franz Schubert (1797–1828)
Quartettsatz c-Moll D 703
Karol Szymanowski (1882–1927)
Streichquartett Nr. 2 op. 56
I. Moderato
II. Vivace scherzando
III. Lento
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PAUSE
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Peter Tschaikowsky (1840 – 1893)
Streichquartett Nr. 3 es-Moll op. 30
I. Andante sostenuto – Allegro moderato
II. Allegretto vivo e scherzando
III. Andante funebre e doloroso, ma con moto
IV. Finale Allegro non troppo e risoluto
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Vier Jahre nach seinem bis dahin letzten und vier Jahre vor seinem nächsten vollendeten Quartett nahm Franz Schubert im Jahr 1820 ein Streichquartett in c-Moll in Angriff. Den Grund dafür – einen Auftrag oder Aufführungsanlass – kennen wir nicht. Offenbar versuchte Schubert sich damit aus einer krisenhaften Phase seines Lebens und Schaffens herauszuarbeiten. Was nur bedingt gelang, denn Schubert vollendete nur den ersten Satz, der sich als isolierter Quartettsatz nach seiner Uraufführung 1867 im Konzertsaal behauptete. Einen langsamen Satz brach Schubert nach 42 Takten ab – die Radikalität, mit der er in diesem Allegro assai die Sonatensatzform in ein neues Licht stellte, ließ ihn ihn wohl an einer schlüssigen Fortsetzung zweifeln. Was wir vor dem Hintergrund des nur noch als loses Gerüst dienenden klassischen Formverlaufs (mit Wiederholung der Exposition) hören, ist die Beschreibung eines Spannungszustands. Dieser wird von zwei gegensätzlichen Klang- bzw. Themensphären bestimmt: Das von zitterndem Pianissimo in schroffes Fortissimo sich steigernde Tremolo-Motto weicht bald einer sanglichen Melodie, deren tröstlicher Charakter nach einem Rückfall in die Dramatik des Beginns von einem dritten, beruhigenden Thema unterstützt wird. Die fast durchgängig im Untergrund fiebernde Bewegung im Sechsachteltakt stellt diese Ruhe aber immer wieder in Frage und so endet der Satz konsequent in jener verstörten Stimmung, in der er begonnen hat – Schubert im Ausnahmezustand.
Es ist einer der faszinierendsten Anfänge des Kammermusik-Repertoires: Am Beginn von Karol Szymanowskis 2. Streichquartett op. 56 von 1927 umspielen die erste Violine und das Cello im Einklang ein flirrendes Band aus äußerst sanft („dolcissime“) geflüsterten Tremoli von Violine II und Viola. Dass alle Instrumente mit Dämpfer gespielt werden, erhöht noch den geheimnisvollen Zauber dieses Satzes, der sich im weiteren Verlauf in verschiedenen Aggregatzuständen bewegt: von sehnsuchtsvoller Melodik und intimer Zurücknahme bis hin zu robusten Unisono-Ausbrüchen. Als die Konstellation des Anfangs wiederkehrt, wird klar, dass sich all dies im Rahmen einen Sonatensatzes abgespielt hat, wir also Zeugen einer betörenden Formverflüssigung geworden sind. Der Satz zeigt, wie Szymanowski zum Zeitpunkt der Entstehung seines zweiten Quartetts zu einer Synthese seiner Klangsprache findet: Die spätromantisch verdichtete Chromatik hat sich unter dem Einfluss des französischen Impressionismus und orientalischer Klangfarben von der Dur-Moll-Harmonik gelöst und bewegt sich souverän in einem freien, ganz eigenen Umgang mit Tonalität und Dissonanz. Der zweite Satz integriert dann Szymanowskis Studien polnischer Volksmusik der Podhale-Region in einen rhythmisch sehr robusten Satz, der mit der Übernahme eines Motivs auf sein folkloristisches Erfolgsballett „Harnasie“, im Mittelteil aber auch auf die Atmosphäre des ersten Satzes zurückblickt. Auf volksmusikalische Vorlagen und Skalen verweisen auch die Themen des dritten Satzes, doch ihre strenge Verarbeitung in Form einer sich immer wieder fast gewalttätig zuspitzenden Doppelfuge lässt keinen Zweifel: Syzmanowskis Auseinandersetzung mit der Musik seiner Heimat war kein Rückzug ins Idyllische, sondern ein selbstbewusstes Zeugnis künstlerischer Autonomie.
Einen persönlichen Auslöser gab es für die Komposition des Streichquartetts Nr. 3 es-Moll op. 30 von Peter Tschaikowsky. Der tschechische Geigenvirtuose Ferdinand Laub, der seit 1866 als Pädagoge und Quartettprimarius in Moskau wirkte und Tschaikowsky zu dessen ersten beiden Quartetten angeregt hatte, war 1875 unerwartet verstorben. Seinem Andenken widmete Tschaikowsky das ein Jahr später uraufgeführte es-Moll-Quartett. Die emotionale Spannweite dieses Ausnahmewerks deutet sich schon in der ungemein dichten langsamen Einleitung des Kopfsatzes an, die sich zwischen Trauer, verzweifeltem Aufbegehren und melodischem Trost bewegt. Dramatisch zupackend entwickelt sich der anschließende Sonatensatz. Dieser kreist vor allem um die fast manische Verarbeitung des Seitenthemas mit seinem charakteristischen Triolenmotiv, das zusammen mit einer in der Durchführung hinzukommenden Gegenpunktierung beinahe den kompletten, weit ausladenden Satz prägt. Als eine Art Atempause steht an zweiter Stelle ein vergleichsweise kurzes Scherzo-Intermezzo. Eine durchlaufende Sechzehntel-Figur treibt dieses Allegretto vivo e scherzando motorisch voran, der Trio-Mittelteil weist mit einem punktierten Motiv auf den ersten Satz zurück. Das Herzstück des Quartetts bildet das anschließende Andante funebre e doloroso, das seinen trauernden, schmerzlichen Charakter schon im Titel trägt. Die durchgehend mit Dämpfer spielenden Streicher stimmen einen nach innen gewandten Trauermarsch an, ein Choral mit Rezitationston in der zweiten Violine verweist auf die orthodoxe Liturgie, eine melancholische Melodie spendet Trost, ehe der zunächst im pianissimo wiederkehrende Kondukt überraschenderweise in höchster Lage endet. Diese Aufhellung erweist sich als Vorbereitung des überraschend optimistischen Finales, das in Es-Dur auf sein triumphales Ende zustürmt. Kurz zuvor blickt Tschaikowsky allerdings noch einmal auf die langsame Einleitung des ersten Satzes zurück – ein letztes Lebewohl an den verstorbenen Kollegen und Freund.
Dr. Juan Martin Koch (c) Kulturwald gGmbH 2026
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Zehetmair Quartett
„Die vier Musiker beherrschen ihre Instrumente mit traumwandlerischer Sicherheit, nur so war es ihnen möglich, bis an die Grenzen des Machbaren zu gehen.“
Das Zehetmair Quartett, welches 1994 vom österreichischen Dirigenten und Violinisten Thomas Zehetmair gegründet wurde, gehört zweifelsfrei zu den bemerkenswertesten Streichquartetten weltweit. Es wird hoch geschätzt für seine durchdachten, einzigartigen Interpretationen, die sich durch Klarheit und Kompromisslosigkeit auszeichnen. Dabei spielen die vier Virtuosen auf höchstem technischem Niveau und finden in ihrer Musik zu einer Klarheit, die gepaart mit ihrer enormen Ausdrucksstärke so schnell keine Nachahmer findet. Neben dem gängigen Repertoire überzeugt das Quartett auch durch sein fantastisches Verständnis für zeitgenössische Musik.
Zu den besonderen, künstlerischen Herausforderungen gehörten in der Vergangenheit u.a. die zyklische Aufführung aller Streichquartette von Robert Schumann in der Londoner Wigmore Hall und die Uraufführung des Streichquartetts Nr. 2 von Heinz Holliger – ein Auftragswerk der Köln Musik GmbH für das Zehetmair Quartett. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Elliott Carter 2009 konzertierte das Zehetmair Quartett mit großem Erfolg in New York.
Das Quartett tritt regelmäßig in den Musikzentren Europas auf, so bspw. im Concertgebouw Amsterdam, im Palaú de la Musica Barcelona, in Luxemburg oder in Helsinki und gastierte beim Salzburg Festival, Hong Kong Arts Festival, Edinburgh International Festival oder dem Schleswig-Holstein Musik Festival.
Für die Einspielung von Bartóks 4.
und Hartmanns 1. Streichquartett sowie des 1. und 3. Streichquartetts
von Schumann bei ECM erhielt das Zehetmair Quartett Auszeichnungen wie
den Diapason d’Or de l’Année, den Gramophone Award (Record of the Year),
den Edison- und den Klara-Preis für die beste internationale Produktion
des Jahres.
Eine Aufnahme mit den Streichquartetten Nr. 4 von
Hindemith und Nr. 5 von Bartók wurde in den Medien als Referenzaufnahme
besprochen und erhielt den Diapason d’Or de l’Année. Zuletzt erschien
ein Album, welches Beethoven, Bruckner, Hartmann und Holliger gewidmet
ist.
Im November 2014 wurde das Zehetmair Quartett
mit dem Paul-Hindemith-Preis der Stadt Hanau für seine herausragenden
musikalischen Fähigkeiten und Verdienste um den Komponisten
ausgezeichnet.