Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen

22.05.26

Pianorecital Mari Kodama

Freitag, 21. Mai, 19 Uhr

Beethoven-Zyklus III: 
Von der Moderne – eine Poesie der Freiheit

------------------ 
Konzertdauer: ca. 50 Min. │ Pause │ ca. 30 min. 
------------------

Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Klaviersonate G-Dur op. 31/1 
I. Allegro vivace
II. Andante grazioso
III. Rondo. Allegretto

Rodolphe Bruneau-Boulmier (*1982)
Passage

Ludwig van Beethoven
Klaviersonate Es-Dur op. 31/3
I. Allegro
II. Scherzo. Allegretto vivace
III. Menuetto. Moderato e grazioso
IV. Presto con fuoco

------------------ 
PAUSE
------------------

Ludwig van Beethoven
Klaviersonate As-Dur op. 26 („Trauermarsch“)
I. Andante con variazioni
II. Scherzo. Allegro molto
III. MARCIA FUNEBRE sulla morte d’un Eroe
IV. Allegro

Rodolphe Bruneau-Boulmier
Sulla morte d’un Eroe

------------------

Mit den ab etwa 1801 entstandenen Werken tritt Ludwig van Beethoven in eine neue Phase seines Klaviersonatenschaffens ein. Wenn auch einige von ihnen noch in Gruppen erscheinen (op. 27, Nr. 1 und 2, op. 31, Nr. 1–3), so ist doch eine eindeutige Tendenz erkennbar: Individualisierung. Beethoven variiert von nun an nicht mehr das überlieferte Schema der drei- oder viersätzigen Form, vielmehr scheint er mit jedem Werk die Idee der Klaviersonate neu zu denken. Er experimentiert mit Satzfolgen und -modellen, integriert mit dem Trauermarsch von op. 26 erstmals Programmmusikalisches und lotet auch melodisch-thematisch neue Möglichkeiten aus.

So irritiert im ersten Satz der G-Dur-Sonate op. 31/1 das sprunghaft zwischen Figuration und punktierten Akkorden wechselnde Hauptthema, das einen Vorschlag, also eine sehr kurze Note oder einen sehr kurzen Akkordschlag vor dem eigentlichen Taktbeginn stark in den Vordergrund stellt. Aus einer traditionell als Verzierung gedachten Geste macht Beethoven so einen Widerhaken, der mit mal grimmigem, mal hintersinnigem Humor den Satzverlauf prägt. Nicht ganz ernst gemeint scheint zunächst auch der mit Adagio grazioso bezeichnete langsame Satz. Über einer bewusst simpel gehaltenen Begleitung aus Akkordbrechungen (als „Alberti-Bässe“ berühmt-berüchtigt) entfaltet sich eine mit graziösem Triller angereicherte Melodie, die Beethoven trotz weiterer humoristischer Anklänge im Laufe des Satzes aber zwischenzeitlich auch ernster nimmt, als es der Beginn ahnen lässt. Diese Doppelbödigkeit durchzieht dann auch das finale Rondo, das kurz vor Schluss überraschend abbremst, um nach einem Presto-Ausbruch mit leisen Akkordtupfern auszuklingen.

Die Spannung zwischen nachdenklichem Innehalten und motorischem Vorwärtsdrang macht Beethoven zum Gegenstand des eröffnenden Allegro in der Es-Dur-Sonate op. 31/3. Als weiteres Element prägt der prägnante Abwärtssprung des Hauptthemas den Verlauf des Satzes. Ungewöhnlich und wiederum sehr individuell geht Beethoven mit den Mittelsätzen um, bei denen man einen echten langsamen Satz vergeblich sucht. Diesen ersetzt an dritter Stelle ein lyrisch zurückgenommenes Menuett mit einer der innigsten Melodien im gesamten Schaffen Beethovens. Zuvor überrascht er aber mit einem Scherzo, das nicht der üblichen Dreiteiligkeit (mit Trio in der Mitte) folgt, sondern in kompakter Sonatenform das motorische Element des ersten Satzes aufgreift und weiterführt. Ein atemlos-feuriges Presto con fuoco in drängendem 6/8-Puls beschließt das Werk.

Zum ersten Mal in seinen Klaviersonaten gestaltet Beethoven in der As-Dur-Sonate op. 26 einen Satz in Variationsform. Dass dieser das Werk eröffnet, erinnert an Mozarts „Alla-turca“-Sonate und auch das kantable Thema scheint in diese Richtung zu deuten. Beethoven verbleibt trotz der beschleunigten Bewegung der zweiten Variation weitgehend in dessen leicht verhangener Stimmung und auch der Schluss lässt den Satz ebenso als etwas Vorläufiges erscheinen wie das äußerst knappe Scherzo. Mit dem Beginn des dritten Satzes wird dann klar, worauf dies alles zielte: auf die MARCIA FUNEBRE (in der Partitur in Großbuchstaben überschrieben) als zentrales Element. Dieser eindrucksvoll sich steigernde Trauermarsch „auf den Tod eines Helden“ („sulla morte d’un Eroe“ lautet der Zusatz) gab dem Werk den Beinamen „Trauermarsch-Sonate“ und machte sie bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer der im Druck am weitesten verbreiteten Klaviersonaten Beethovens. Der opernhafte Gestus des Marsches wird im Mittelteil noch verstärkt: durch das bildhaft-theatralische Heraufbeschwören von Trommelwirbel und Trompetensignal. Kein Wunder, dass der Satz bald in orchestralen Bearbeitungen ein Eigenleben entwickelte und auch zu Beethovens eigenem Leichenzug erklang. Als wolle er die düstere Stimmung möglichst rasch vertreiben, lässt Beethoven die Sonate mit einem Perpetuum mobile ausklingen, in dem allerdings bisweilen eine Resterregung spürbar bleibt.

Das besondere an Mari Kodamas Beethoven-Zyklus ist, dass sie dessen Sonaten in einen zeitgenössischen Dialog treten lässt. Rodolphe Bruneau-Boulmier hat dafür eigens Stücke geschrieben, die auf Beethovens Werke reagieren, auf sie hinführen, sie in ein neues Licht rücken. Der 1982 geborene Komponist beschreibt seine Herangehensweise so:

„Für jedes Konzert in diesem Zyklus habe ich mir Passagen, Schlüsse oder Einleitungen zu Beethovens Sonaten ausgedacht. Für einige von ihnen habe ich das innovative Element, die Mutterzelle oder die treibende Idee berücksichtigt. Bei anderen ist es der Ausdruck, die lyrische Tiefe und die Kraft der emotionalen Botschaft, die ich mit meiner Musik verlängern oder zum Nachklingen bringen möchte. Es geht hier nicht darum, Beethoven zu imitieren – er ist per Definition unnachahmlich –, sondern vielmehr darum, mit meiner Sprache, die dem 21. Jahrhundert angehört, einen Dialog, einen kurzen Kontrapunkt zu imaginieren, ohne jemals in Beethovens Schaffen einzugreifen. Es inspiriert mich, zwingt mich, Risiken einzugehen, unerforschte Welten auszuprobieren, die Grenzen des Instruments zu erweitern, aber auch, das höchste Niveau anzustreben.“

So hören wir heute eine „Passage“ zwischen den Sonaten op. 31, Nr. 1 und Nr. 3 und als Reflexion über die Trauermarsch-Sonate Bruneau-Boulmiers „Sulla morte d’un Eroe“.

Dr. Juan Martin Koch (c) Kulturwald gGmbH 2026

------------------

Mari Kodama

„Kodama fängt dieses Gefühl der Größe in einer Darbietung ein, die feurig und nachdenklich zugleich ist.“ (BBC Music Magazine, 2023)

Mari Kodama wird beständig für ihre Virtuosität in einem breiten Spektrum an Repertoire gelobt, das sowohl Orchester- als auch Kammermusik- sowie Solowerke von Komponisten aller Epochen umfasst. Zudem ist sie für ihre natürliche Musikalität, klangliche Ausdrucksstärke mit einer klaren Form und auch als maßstabsetzende Beethoven-Interpretin bekannt.

In der Saison 2025/26 wird Mari Kodama ihr vielseitiges Talent bei verschiedenen internationalen Konzertauftritten unter Beweis stellen, darunter ein Duo-Konzert mit Momo Kodama beim Lucerne Festival, eine Rückkehr zu „Muse & Piano“ im Louvre Lens sowie ein Auftritt mit der Filarmonica de Stat Transilvania (unter der Leitung von Lawrence Foster). Zudem setzt sie ihre Reihe mit allen 32 Beethoven-Klaviersonaten und einem neuen Werk von Rodolphe Bruneau-Boulmier im Konzerthaus Blaibach fort. Zu den weiteren Höhepunkten der letzten Zeit zählen ein Eröffnungskonzert mit Le Cercle de l’Harmonie in Paris (Jérémie Rhorer), bei dem sie Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 auf dem Fortepiano aufführt; ein Open-Air-Konzert mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg; Debütkonzerte mit dem National Symphony Orchestra of Taiwan (Lan Shui), dem Orchestra Haydn von Bozen und Trient sowie dem Orchester der KlangVerwaltung beim Herrenchiemsee-Festival und eine Rückkehr zum Japan Philharmonic (Kahchung Wong).

Als weitere Demonstration ihrer Vielseitigkeit spielte sie eine zentrale Rolle in der äußerst erfolgreichen Ballettproduktion „Beethoven Projekt II“ (John Neumeier), mit der die Staatsoper Hamburg nach monatelanger Schließung von Covid-19 wiedereröffnet wurde und die 2022/23 mit acht Vorstellungen wiederaufgenommen wurde. Im Rahmen eines Liederabends arbeitete sie mit Markus Hinterhäuser zusammen, der Messiaens „Visions de l'Amen“ aufführte. Außerdem organisierte sie das Beethoven-Festival „A Life in a DayÓ in San Francisco, bei dem alle 32 Klaviersonaten Beethovens an zwei Tagen von 14 verschiedenen Solisten aufgeführt wurden.

Das Klavierwerk Ludwig van Beethovens bildet einen Schwerpunkt in Mari Kodamas Diskographie. Sie ist eine der wenigen Pianistinnen, die alle seine 32 Klaviersonaten für CD eingespielt hat. Die 2014 bei Pentatone erschienene Box wurde von der Kritik hervorragend besprochen. Im Herbst 2019 veröffentlichte sie Beethovens Nulltes Klavierkonzert WoO 4, sein nahezu unbekanntes Jugendwerk, das gemeinsam mit seinem Rondo für Klavier und Orchester WoO 6 und seinen „Eroica“-Variationen für Klavier solo op. 35, die Beethoven CD-Box mit sämtlichen Klavierkonzerten Beethovens sowie dem Tripelkonzert gemeinsam mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und Kent Nagano ergänzt (Berlin Classics, 2019). Kodamas jüngste CD-Veröffentlichungen sind Mozarts Konzerte für drei Klaviere und Poulencs Konzert für zwei Klaviere mit dem Orchestre de la Suisse Romande sowie ein nuanciertes Portrait von Anton Bruckners Klavierwerken auf Pentatone (Oktober 2024).

Durch ihre Konzertaktivität bringt Mari Kodama immer wieder Raritäten der Klaviermusik weltweit zu Gehör. Sie spielte etwa Stenhammers Klavierkonzert Nr. 2 in Göteborg sowie New York und hat mit Viviane Hagner zusammen Alban Bergs Kammerkonzert für Klavier und Violine aufgeführt - sowohl mit der Jyväskylä Sinfonia als auch mit dem DSO Berlin. Daneben hat sie 2013 gemeinsam mit Momo Kodama Jean-Pascal Beinthus’ Doppelkonzert für Klavier mit dem Orchestre Philharmonique de Monte Carlo uraufgeführt sowie die kanadischen Erstaufführungen von Jörg Widmanns Stücken Valse Bavaroise und Humoresken beim Orford Festival 2010 gespielt.

Neben ihren Auftritten übernimmt Mari Kodama auch die Rolle als künstlerische Leiterin von Musikfestivals: Sie war Mitbegründerin und Leiterin des Kammermusik-Festivals „Forest Hill Musical Days“ in San Francisco, einer Konzertreihe, die sie zusammen mit ihrem Mann Kent Nagano ins Leben gerufen hat, und leitete die Kammermusikreihe des Orford Music Festivals. 2018 übernahm sie die künstlerische Leitung des Festivals „Tra Luce & Sogno“ in Postignano, Italien, für das sie Künstler, wie z.B. Christian Gerhaher, Matt Haimowitz und Gerold Huber, neben anderen gewinnen konnte. Mari Kodama ist ein Steinway Artist.

www.marikodama.com